Donnerstag, 02. Juni. 2011

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Liebes Tagebuch,

ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan. Der Gedanke daran, dass Eleni noch immer irgendwo da draußen ist – allein, vielleicht verängstigt oder verletzt –, hat mich innerlich zerrissen. Ich habe mir stundenlang den Kopf zerbrochen, überlegt, wo sie sein könnte, aber mein Kopf fühlte sich leer an. Vielleicht wollte sie gar nicht gefunden werden. Vielleicht war das ihre Art, zu sagen, dass sie nicht mehr kann.

Mama meinte am Morgen, dass Eleni bestimmt bald auftauchen würde und dass ich zur Schule gehen solle. Ich sollte nachmittags weitersuchen. Aber auf dem Weg zur Schule kam mir plötzlich ein Gedanke – so klar, dass ich mich fragte, warum er mir nicht früher gekommen war. Wenn Eleni wegläuft, dann nicht einfach irgendwohin. Sie würde zu jemandem gehen, der ihr Halt gegeben hat. Und das war Holly.

Obwohl Holly nicht mehr lebt, war ich mir sicher: Eleni würde zu ihrem Grab gehen.

Ich fuhr also in die entgegengesetzte Richtung – nicht zur Schule, sondern zum Friedhof. Der Gedanke, dass Mama wütend wäre, wenn sie davon erfuhr, war in dem Moment nebensächlich.

Der Friedhof war still. Es dauerte nicht lange, bis ich Hollys Grab fand – und davor lag Eleni. Zusammengerollt wie ein kleiner, verletzter Vogel. Ihre Haut war eiskalt, und doch glühte ihr Kopf verdächtig heiß.

Ich weckte sie vorsichtig. Sie war benommen, verwirrt – aber sie erkannte mich. In ihren Augen lag Erleichterung und tiefe Traurigkeit. Sie begann zu weinen. Zwischen Tränen und abgehackten Sätzen entschuldigte sie sich. Dafür, dass sie nicht mit mir gesprochen hatte. Dafür, dass ich angeblich wegen ihr gegangen sei. Sie glaubte, ich sei wütend auf sie.

Ich konnte kaum fassen, wie sehr sie sich verantwortlich fühlte. In ihrem kleinen Kopf hatte sie all das auf sich bezogen – meine Rückkehr zu Mama, mein Schweigen, unsere Distanz. Ich versuchte, ihr zu erklären, dass meine Rückkehr nichts mit ihr zu tun hatte. Dass ich sie nicht verlassen hatte, weil ich böse auf sie war, sondern weil es Mamas besser ging. Ich glaube, sie hat mir geglaubt. Vielleicht nicht mit dem Kopf, aber mit dem Herzen.

Ich setzte sie auf den Gepäckträger meines Fahrrads und brachte sie zu Luana. Der Weg war nicht weit – zum Glück ging es nur bergab.

Liv öffnete uns fast im selben Moment, in dem ich klingelte – als hätte sie uns erwartet. Sie rief sofort nach Luana, und in kürzester Zeit war das ganze Haus in Aufruhr. Eleni wurde ins Warme gebracht, Liv kümmerte sich sofort um Tee, und Luana wollte wissen, was passiert war.

Ich erzählte ihr von Elenis Zuflucht auf dem Friedhof und davon, wie sie sich missverstanden gefühlt hatte. Luana war sichtlich betroffen. Eleni sei ganz wichtig für mich, sagte sie. Ich glaube, sie hat recht.

Seitdem geht mir alles nicht mehr aus dem Kopf. Ich denke an Elenis Tränen, an ihre Wärme unter meiner Jacke, an die Worte, die sie nicht fand. Ich wünschte, sie könnte sehen, wie sehr sie geschätzt wird. Nicht nur von mir. Von uns allen.

Ich hoffe, sie wird bald gesund – und dass sie eines Tages nicht nur mir vertraut, sondern auch den anderen. Denn nur dann kann sie wirklich ankommen. Und das hat sie verdient.

Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt