Liebes Tagebuch,
heute war ein wirklich schöner Tag. Wir haben den Mathe-Test zurückbekommen – und ich habe eine Eins geschrieben! Das ist die erste Eins, an die ich mich überhaupt erinnern kann. Frau Schröder hat gesagt, sie ist stolz auf mich und froh, dass ich die Arbeit nachgeschrieben habe.
Ich weiß jetzt, dass ich keine Schuld daran trage, dass es Mama wieder schlechter geht. Luana hat mir erklärt, dass es eine Eigenart dieser Krankheit ist, dass sie immer wieder ausbricht – gerade dann, wenn man denkt, es geht endlich bergauf. Sie meinte, ich müsse damit rechnen, dass es noch öfter passiert, weil es ja schon Mamas zweiter Rückfall war. Der erste kam, als Felix alles kaputtgemacht hat, und der zweite nach unserem Telefonat.
Die Gewitterwolken, wie Mama sie nennt, reagieren sehr stark auf Gefühle. Sie werden größer und dunkler, und dann regnet es umso mehr. Und Mama kann diesem Regen nichts entgegensetzen. Sie hat einfach keinen Regenschirm mehr.
Manchmal frage ich mich, warum ich nicht bei Mama sein kann, wenn es ihr in der Klinik auch nicht besser geht als zu Hause. Aber tief im Inneren weiß ich, dass es auch mir mit ihr allein nicht gut gehen würde. Deshalb ist es wohl besser, dass ich bei Luana bleibe.
Heute habe ich Linus gefragt, ob er mit mir in den Zoo geht – ganz allein! Und er hat ja gesagt. Ich hab's wirklich gemacht, Tagebuch! Die anderen hatten alle keine Zeit, aber ich wollte unbedingt wissen, wie es Muckine geht. Dass ich vorher alle anderen gefragt hatte, habe ich Linus natürlich nicht erzählt. Er war so glücklich – ich habe ihn noch nie so strahlen sehen. Dabei musste er für uns beide Bustickets kaufen, für sich den Eintritt und später auch noch etwas zu essen. Und trotzdem hat er die ganze Zeit gelächelt.
Und weißt du was? Ich war glücklich, weil er so glücklich war.
Wir haben viel Zeit bei den Bären verbracht. Meine Lieblingstierpflegerin Lucy hat mich begrüßt – sie kennt mich mittlerweile, so oft wie ich im Zoo bin. Ich kann stundenlang einfach nur dort sitzen und den Bären zusehen. Ich weiß nicht genau, warum, aber sie geben mir Kraft. Hoffnung. Irgendwas Beruhigendes.
Mama hat mir früher erzählt, dass Bärenväter nach der Geburt der Jungen einfach verschwinden – so wie mein Papa. Aber hier im Zoo bleiben Muckine und ihre Mama zusammen, und sie beschützen sich gegenseitig. Ich hoffe, dass Mama das auch irgendwann wieder kann. Ich vermisse sie so sehr, Tagebuch.
Danach sind Linus und ich durch den ganzen Zoo gelaufen, und wir haben die ganze Zeit geredet. Linus hat mir erzählt, dass sie schon öfter Pflegekinder bei sich hatten, aber nie so lange. Und dass er sich eigentlich einen Bruder gewünscht hatte – aber jetzt ist er froh, dass er eine dritte Schwester hat.
Tagebuch, ich glaube, ich kann Linus jetzt wirklich vertrauen. Dieses komische Kribbeln im Bauch, das ich früher immer hatte, wenn ein Junge in meiner Nähe war, ist komplett weg. Auch wenn ich mit ihm allein bin. Bei Toni ist es noch nicht ganz weg, aber ich glaube, das wird auch besser.
Heute war ein wirklich guter Tag. Und ich hoffe, morgen wird genauso schön.
Gute Nacht, liebes Tagebuch.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
