Donnerstag, 01. August. 2013

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Liebes Tagebuch,

die Zeit zieht ins Land. Seit Jolie mich damals mit in den Park genommen hat, nehme ich die Menschen um mich herum mit anderen Augen wahr. Ich frage mich bei jedem, dem ich begegne, warum er sich so verhält, wie er es tut. Was wohl seine Geschichte ist.
Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, wie viele Menschen um mich herum anders reagieren. Sie lachen über andere, die „komisch" aussehen oder sich anders verhalten.
Ich verstehe das nicht, Tagebuch. Sind wir nicht alle auf unsere eigene Weise anders?

Jolie und Kim machen dieses Experiment gemeinsam mit vielen Kindern und Jugendlichen. In der Hoffnung, dass sie der nächsten Generation die Augen öffnen können. Dass sie lernen: Es ist nicht schlimm, anders zu sein. Es ist sogar wichtig. Denn genau das macht unsere Gesellschaft bunt.

Jolie hat mir erzählt, dass sie inzwischen mit Kim auch an Schulen geht, besonders an solche, wo es viele Mobbingvorfälle gibt.
Man spürt, dass sie darunter leidet, wie sehr Kim immer noch kämpfen muss. Und das nur, weil sie einmal so mutig war, Jolie zu beschützen.
Aber Jolie tut etwas dagegen. Sie geht aktiv auf Kinder und Jugendliche zu, führt Gespräche, gibt Kurse, spricht über das, was oft verschwiegen wird: über Mobbing, Vorurteile und was sie mit einem Menschen machen können.
Sie allein wird sicher nicht die ganze Welt verändern, aber sie bringt etwas in Bewegung. Sie bringt einen Stein ins Rollen und vielleicht wird daraus eine Lawine. Damit Menschen wie Kim, Eleni, Leo, Lyara oder auch ich es eines Tages leichter haben.

Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr sich Dinge mit der Zeit verändern können. Leo und Lyara haben endlich ihren Platz gefunden. Man kann jetzt wirklich sagen, dass sie angekommen sind.
Sie sind aufgeweckte achtjährige Kinder geworden, die das ganze Haus durcheinanderbringen. Zumindest kann ich mich jetzt nicht mehr über zu viel Ruhe beschweren.

Leo spielt Gitarre und das wirklich gut für sein Alter. Er sagt, er habe schon mit vier angefangen. Sein Vater hat es ihm beigebracht, in einer Zeit, in der es zu Hause noch nicht so viel Streit gab.
Wenn seine Eltern sich später gestritten haben, hat Leo sich mit der Musik abgelenkt. Er hat gespielt, um mit Lyara gemeinsam der Realität zu entfliehen – wie in einem Buch, in dem man in eine Fantasiewelt eintaucht.

Und Lyara? Sie singt dazu. Ihre Stimme ist so klar und weich, fast wie die eines Engels. Ich verstehe nicht, wie sie diese Stimme so lange verstecken konnte.
Für die beiden ist Musik ein Ventil geworden. Ihre Art, alles zu verarbeiten – so wie du es immer für mich warst, liebes Tagebuch.

In der Nachbarschaft und in der Schule kennt man sie schon.
Der Junge mit der Gitarre und das Mädchen, das dazu singt.
Und wenn man sie heute sieht, kann man kaum glauben, dass sie vor wenigen Monaten noch verschlossen, ängstlich, wütend und verloren waren. Ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Aber genau das zeigt, wie sehr sich ein Kind entwickeln kann, wenn es gesehen wird. Wenn jemand erkennt, dass es Hilfe braucht und wenn dann auch wirklich etwas passiert.
Leider passiert das viel zu selten. Viele schauen einfach weg. Auch bei mir damals. Meine Lehrer haben gesehen, dass meine Leistungen schlechter wurden, dass ich mich zurückgezogen habe. Aber statt zu fragen, was los ist, haben sie mich einfach kritisiert.

Wenn Kinder Hilfe brauchen, versuchen viele Erwachsene, sie „zurechtzubiegen".
Sie hätten Eleni oder Lyara vielleicht gezwungen zu sprechen.
Oder Leo Medikamente gegeben, damit er endlich spurt.
Aber so funktioniert das nicht.

Was solche Kinder brauchen, ist Zeit. Geduld. Liebe. Und vor allem Freiraum.
Freiraum, um sich zurückziehen zu dürfen, wenn ihnen alles zu viel wird.
Freiraum, um auch mal wütend sein zu dürfen, wenn sie damit etwas verarbeiten können.
Doch genau diese Räume bekommen sie viel zu selten. Manche bekommen gar nichts.

Und dann? Dann werden aus diesen Kindern Jugendliche, die als schwierig gelten.
Dann sind sie plötzlich „verhaltensauffällig". Oder „schwer erziehbar".
Manche rutschen ab.
Und wenn sie erwachsen werden, spricht niemand mehr von der Not, die sie erlebt haben.
Dann nennt man sie „asozial". Oder schlimmer noch: „Abschaum".
Dabei steckt in vielen von ihnen noch immer ein verletztes, verlassenes Kind. Eine Kinderseele, die nie richtig spielen, nie richtig leben durfte. Die nie gelernt hat, was Geborgenheit ist.

Diese Menschen werden ihr ganzes Leben lang Hilfe brauchen.
Aber das muss nicht so sein.
Wenn jemand früh genug hinsieht  und den Mut hat, zu handeln.

Jolie hilft den Menschen dabei, über ihre eigenen Vorurteile hinauszuwachsen.
Sie zeigt, was sich hinter einem ersten Eindruck verbirgt.
Und vielleicht ist genau das der Anfang einer neuen Art von Welt.
Einer Welt, in der jeder Mensch so angenommen wird, wie er ist.
Und in der denen geholfen wird, die es nicht alleine schaffen.
Bevor es zu spät ist.

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