Dienstag, 19. Juli. 2011

80 19 11
                                        

Liebes Tagebuch,

obwohl Ferien sind, bin ich heute schon um sechs Uhr aufgestanden. Ich wollte alles vorbereiten, damit Mama einen schönen Geburtstag hat. Ich habe das Wohnzimmer ein wenig geschmückt und Eierkuchen gemacht. Auch wenn sie nicht so gut wurden wie Mamas, hoffte ich, dass sie sich trotzdem freuen würde.

Bis acht Uhr habe ich gewartet. Dann bin ich zu ihr ins Schlafzimmer gegangen und habe ihr ein Geburtstagslied gesungen. Sie drehte sich nur weg und sagte kein Wort. Als ich fragte, ob alles in Ordnung sei, kam keine Reaktion. Ich versuchte, sie sanft zu wecken, aber sie meinte nur, ich solle sie in Ruhe lassen. Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. Alles in mir schrie: nicht schon wieder! Es war doch gerade alles gut gewesen. Ich versuchte es noch einmal, sprach vom Frühstück – aber sie schrie mich an, ich solle gehen.

Ich ging in die Küche, holte das Telefon und rief Paulina an. Dieses Mal wollte ich keine Zeit verlieren. Vielleicht war es noch nicht zu spät. Ich erklärte ihr, dass Mama sich weigerte aufzustehen und mich fortgeschickt hatte. Sie sagte, es sei richtig gewesen, dass ich mich sofort gemeldet hatte, und kündigte an, gemeinsam mit Sophie vorbeizukommen. Ich solle Mama inzwischen in Ruhe lassen.

Während ich wartete, kamen sie wieder: die Gedanken, was ich falsch gemacht haben könnte. Kurz darauf klingelte es, und als ich die Tür öffnete, standen Sophie und Paulina vor mir. Sie wollten wissen, was genau passiert war. Ich erzählte von meinem Versuch, Mama zu wecken, von der Geburtstagsüberraschung – und davon, wie sie reagiert hatte. Ich sagte, dass am Tag zuvor noch alles in Ordnung gewesen war.

Paulina ging zu Mama, während Sophie bei mir blieb. Sie sagte, es sei gut gewesen, dass ich sie gleich informiert hatte. Ich fragte sie, was ich denn immer falsch mache. Warum es Mama immer wieder schlecht ging, sobald ich bei ihr war. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Ich sagte, dass es doch immer so sei: Mama gehe es gut, bis ich wieder da bin. Sophie versuchte mir zu versichern, dass ich nichts falsch gemacht hätte.

Dann kam Paulina zurück – mit Mama. Sie sah mich nicht einmal an, ging einfach an mir vorbei. Paulina bat mich, in mein Zimmer zu gehen, sie wollten gleich zu mir kommen.

Mit anderen Worten, sie wollten etwas besprechen, und ich sollte davon nichts mitbekommen. Aber ich wollte wissen, was hier los ist. Ich wollte auch wissen, woran ich bin, und nicht nur eine für mich verschönte Version der Geschichte hören.

Ich bin also aus der Küche gegangen und habe mich so hingestellt, dass sie mich nicht mehr sehen konnten, ich sie aber noch hören konnte.

Ich hörte, wie Paulina Mama fragte, wie es ihr geht.
Mamas Stimme war leise. Sie sagte:
„Ich kann das nicht."

Paulina fragte, was sie damit meinte.
Mama antwortete, dass ihr alles zu viel werde. Dass sie sich nicht um mich kümmern könne.
Dann fing sie an zu weinen.

Sophie sagte ruhig, dass das jetzt ihre letzte Chance sei. Dass es kein nächstes Mal geben würde, wenn sie mich wieder abgibt.

Mama sagte, dass sie mich liebt.
Aber sie könne nicht mehr so tun, als würde sie es schaffen.
Sie könne mir nicht das geben, was ich verdiene.

Sie meinte, sie habe gesehen, wie angespannt ich immer war.
Dass ich Angst hatte.
Und dass ich mich bei Luana sicherer gefühlt hätte als bei ihr.
Diese Sicherheit, sagte sie, könne sie mir nicht mehr geben.

Dann hörte ich sie sagen, dass sie als Mutter versagt habe.
Dass sie nicht will, dass ich weiter unter ihrer Krankheit leide.
Dass sie hofft, ich könne ihr irgendwann verzeihen –
aber vielleicht erst dann, wenn ich sie anders kennenlerne.
Nicht so, wie sie jetzt ist.

Sophie erinnerte sie nochmal daran, dass Kinder bei ihren Eltern bleiben sollten, wenn es irgendwie möglich ist.
Aber Mama sagte, sie habe mich angesehen – und sich selbst darin erkannt.
Sie war früher Krankenschwester, hat genau solche Kinder betreut:
Kinder, die in unsicheren Familien aufwuchsen.
Viele von ihnen hatten später Probleme im Leben.

„Für Marlene ist es noch nicht zu spät", sagte Mama.
Sie wolle mich schützen, nicht aufgeben.

Und auch wenn es weh tut, wisse sie,
dass es für mich besser ist, in einer stabilen Familie groß zu werden.

In dem Moment konnte ich es nicht länger ertragen. Ich ging zu ihr und umarmte sie. Ihre Worte hatten wehgetan – aber gleichzeitig fühlte es sich tröstlich an, dass sie all das aus Liebe sagte.

Sie sah mich an und fragte leise, ob ich wieder gelauscht hätte. Ich nickte. Sie entschuldigte sich, meinte aber, dass ich es eines Tages verstehen würde. Vielleicht erst dann, wenn ich selbst Mutter sei. Ich solle wissen, dass sie mich nicht loswerden wolle – im Gegenteil: sie wolle, dass ich glücklich aufwachse. Und das könne ich nur, wenn ich an einem Ort sei, an dem ich Sicherheit und Stabilität erfahre.



Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt