Liebes Tagebuch,
gestern war ich bei Karla und habe mich lange mit ihr über Eleni und Luana unterhalten. Ich muss zugeben, dass Karla in den letzten Wochen wirklich zu kurz gekommen ist – besonders weil Luana es für besser hielt, wenn vorerst keine Fremden ins Haus kamen.
Karla meinte, ich solle einfach abwarten, bis Luana auf mich zukommt, und mich nicht länger über das aufregen, was passiert ist. Ändern könnte ich es sowieso nicht mehr. Da hat sie recht, Tagebuch. Aber fair fühlt es sich trotzdem nicht an.
Und tatsächlich – heute kam Luana auf mich zu. Sie hat sich entschuldigt. Manchmal frage ich mich, wann Menschen verlernt haben, wie man sich richtig entschuldigt. Das Wort Entschuldigung ist kein Radiergummi – es wischt nichts einfach weg. Der Schmerz bleibt. Das Problem bleibt. Man kann nicht erwarten, dass nach einer Entschuldigung alles wieder gut ist. Man kann nur um Vergebung bitten – das ist etwas anderes. Man kann hoffen, dass der andere bereit ist, darüber hinwegzusehen. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum Kinder immer dazu angehalten werden, sofort „Entschuldigung" zu sagen, wenn sie etwas falsch gemacht haben. Das Kind dem mit der Schaufel auf dem Kopf geschlagen wurde hat trotzdem Schmerzen.
Es ist nicht einfach zu entschuldigen, weil der Schmerz bleibt und das Verhalten des anderen war nicht richtig. Aber man kann vergeben. Das ist etwas, das die heutige Gesellschaft oft verlernt hat. Viele Menschen denken, dass das Wort „Entschuldigung" alle Probleme löst. Aber das tut es nicht, und genau das führt zu so vielen Streitigkeiten und Missverständnissen. Das Wort „Entschuldigung" vermittelt den Glauben, dass alles wieder gut ist, aber das ist nicht der Fall.
Ich habe Luana vergeben. Sie hat viel Geduld mit mir gehabt, als es mir schlecht ging. Und ich hoffe, sie wiederholt diesen Fehler nicht – und dass Eleni mir bald wieder vertraut.
Später bat Luana mich in die Küche. Sie sagte, sie müsse mir etwas sagen. Ich dachte zuerst, es ginge um Eleni. Aber als ich die Küche betrat, stand Sophie da.
„Ist etwas mit Eleni?", fragte ich sofort.
„Nein, ich bin wegen dir hier", antwortete sie.
Wegen mir? Das konnte nichts Gutes bedeuten. Ich konnte mich kaum erinnern, wann Sophie zuletzt wegen mir gekommen war.
„Marlene, deiner Mama geht es wieder gut. Du kannst wieder zu ihr zurück."
Hast du das gehört, Tagebuch? Ich soll wieder zu Mama.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was, wenn sie wieder einen Rückfall bekommt? Und warum jetzt – wo Eleni mich braucht?
„Freust du dich denn gar nicht?", fragte Sophie.
„Doch... natürlich. Aber ich...", stammelte ich.
„Sehr schön. Pack deine Sachen, ich hole dich morgen früh ab."
Morgen früh. So schnell? Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Soll ich mich freuen oder fürchten? Acht Monate war ich nicht mehr bei Mama. Seit Eleni bei uns lebt, habe ich sie kaum besucht. Ich hatte andere Sorgen. Eleni hat mir geholfen, den Kopf frei zu bekommen – von all den Fragen, wer was richtig oder falsch gemacht hat.
Und jetzt soll ich zurück?
Im Moment habe ich das Gefühl, ich passe nirgendwo richtig hin. Nicht hier. Nicht bei Mama.
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Wenn ich diesen Eintrag heute lese, erinnere ich mich sehr genau an das Gefühl, überrumpelt worden zu sein. Die Nachricht kam für mich aus dem Nichts – ich fühlte mich, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Heute weiß ich, dass die Entscheidung nicht so spontan war, wie sie mir damals erschien.
Was ich als Kind nicht sehen konnte: Mama wurde über Monate hinweg von einem multiprofessionellen Team betreut. Sie war stabil, hatte ihren Alltag im Griff, nahm regelmäßig ihre Termine wahr und zeigte keine Anzeichen mehr für einen Rückfall. In der Jugendhilfe nennt man solche Rückführungen „familienorientiertes Arbeiten" – das Ziel ist immer, Familien zusammenzuführen, wenn es möglich ist.
Was ich ebenfalls nicht wusste: Es hatte wenige Tage zuvor ein sogenanntes Hilfeplangespräch gegeben. An diesen Gesprächen nehmen das Jugendamt, die Sorgeberechtigten und die betreuenden Bezugspersonen teil. Kinder unter zwölf Jahren sind in der Regel nicht dabei – ihre Sicht wird von der Betreuungsperson eingebracht. Ich war damals elf, also sprach Luana für mich. Beim Hilfeplangespräch wurde entschieden, dass eine Rückführung möglich und sinnvoll ist. Sophie war lediglich beauftragt, die Umsetzung vorzubereiten.
Was ich als überstürzt empfand, war also das Ergebnis eines langen Prozesses. Doch ich war zu jung, um das zu begreifen. Alles, was ich hörte, war: „Morgen packst du deine Sachen." Und das fühlte sich falsch an.
Rückblickend verstehe ich die systemische Logik. Aber emotional war ich nicht bereit. Ich hatte gerade erst begonnen, mich bei Luana sicher zu fühlen – und Eleni hatte mein Herz erobert. In mir tobte ein innerer Konflikt: die Hoffnung auf meine Mutter – und die Loyalität zu dem Zuhause, das ich mir inzwischen aufgebaut hatte.
Was ich aus dieser Erfahrung gelernt habe?
Kinder brauchen Vorbereitung. Zeit, um Abschied zu nehmen. Und ehrliche Worte. Denn auch wenn Kinder vieles noch nicht in Worte fassen können – sie spüren alles.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
