Liebes Tagebuch,
heute ist mein Geburtstag.
Herzlichen Glückwunsch, Marlene...
Ich bin heute acht Jahre alt geworden.
Aber ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll.
Im letzten Monat ist Mama so gut wie nie aufgestanden.
Es gab ein paar gute Tage. An denen hat sie mir gezeigt, wie man einfache Gerichte kocht, damit ich mich nicht mehr nur von Spaghetti ernähren muss.
An diesen Tagen hat sie sich immer von Felix ferngehalten.
Sie hat Angst vor ihm.
Er schreit sie ständig an. Egal, ob sie schläft oder wach ist.
Vor ein paar Tagen ist sie einfach auf dem Küchenboden zusammengesunken und hat geweint.
Sie hat gesagt, dass sie sich „schon wieder einen Teufel ins Haus geholt hat."
Dann hat sie sich bei mir entschuldigt.
Dafür, dass sie nicht auf mich gehört hat.
Dafür, dass ich mit ihm auskommen muss.
Sie hat versprochen, dass wir ihn nie wiedersehen müssen,
sobald sie wieder genug Kraft hat.
Ich frage mich, wann das so weit sein wird.
Heute früh, als ich aufgestanden bin, lag Mama wie immer im Bett.
Felix hat zum Glück geschlafen.
Ich habe mir selbst Frühstück gemacht und wollte zur Schule gehen.
Frau Krause hat mir im Flur aufgelauert, mit einem kleinen Kuchen in der Hand.
Oben drauf eine Kerze.
Ich mag Frau Krause.
Sie ist nett. Und ich weiß, dass ich jederzeit zu ihr gehen könnte, wenn ich Hilfe brauche.
Aber ich habe Mama versprochen, es niemandem zu sagen.
Nicht mal Frau Krause.
Sie weiß trotzdem, dass es Mama wieder schlecht geht.
Sie hat mich gefragt, ob sie wieder für uns einkaufen soll.
Ich habe nichts gesagt – nur genickt.
Nur einmal hatte ich sie wirklich um Hilfe gebeten.
Da war der Kühlschrank leer, und Mama war nicht wachzubekommen.
In der Schule war alles wie immer.
Oder schlimmer.
Ich weiß langsam nicht mehr, was schlimmer ist die Schule oder zu Hause.
Die Kinder ärgern mich.
Weil ich oft mit zerzausten Haaren komme.
Weil ich dieselben Klamotten anhabe wie gestern.
Die Lehrer sind auch nicht besser.
Heute habe ich wieder eine schlechte Note bekommen.
Wir sollten einen Steckbrief über ein Familienmitglied schreiben, zusammen mit dem Familienmitglied.
Ich habe es versucht, aber ohne Mama ging das nicht.
Die Lehrer haben mich vor der ganzen Klasse angeschrien.
Sie sagten, ich sei faul.
Ich bin nicht faul.
Ich kümmere mich um Mama.
Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten.
Nicht mal an meinem Geburtstag konnten sie mich in Ruhe lassen.
Liebes Tagebuch, ich kann nicht mehr.
Das alles macht mich fertig.
Aber ich habe Mama ein Versprechen gegeben...
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Ich wischte mir eine Träne von der Wange. Noch heute schmerzt es, wenn ich das lese.
Ich war acht Jahre alt und schon mit den Nerven am Ende.
Ich bin den Lehrern bis heute böse. Keiner von ihnen hat sich gefragt, warum ich plötzlich so abgerutscht bin. Warum aus der guten Schülerin ein Kind wurde, das ständig fehlt, Hausaufgaben vergisst, keine Unterschriften hat.
Vielleicht hätte mir ein bisschen mehr Verständnis damals einiges erspart.
Ich fühlte mich damals wie ein Alien auf einem Planeten, auf dem niemand mich sieht.
Ich hatte Mama versprochen, niemandem etwas zu sagen.
Und heute wünschte ich, ich hätte dieses Versprechen nicht gehalten.
Vielleicht... wäre dann manches anders gekommen.
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Als ich von der Schule nach Hause kam, passierte etwas, das mich völlig überrascht hat.
Mama war wach.
Auf dem Küchentisch stand ein Geburtstagskuchen.
Und Mama umarmte mich ganz lange und sagte:
„Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz."
Sie hatte meinen Lieblingskuchen gebacken, den Wackelpudding-Kuchen.
Unten normaler Teig, dann eine dicke Schicht Sahne, und darin kleine bunte Würfel aus Wackelpudding.
Der beste Kuchen der Welt.
Dann legte sie mir eine Kette um den Hals.
Mein Geburtstagsgeschenk.
Ein Amulett.
Drin ist ein Bild von Mama und mir.
Sie hat gesagt:
„Es wird dir helfen, stark zu bleiben, damit du durch diese Zeit kommst und wir das Leben nach all dem wieder genießen können. Und es soll dich immer daran erinnern: Gib niemals auf."
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
