Liebes Tagebuch,
heute ist Weihnachten.
Eigentlich war das immer ein Tag, auf den ich mich gefreut habe.
Letztes Jahr ging es mir nur um die Geschenke.
Heute merke ich, wie sehr ich einfach nur Mama vermisse.
Es ist jetzt 19:36 Uhr, und sie schläft immer noch.
Ich denke in letzter Zeit viel nach.
Und ich bin froh, dass ich diese Gedanken mit dir teilen kann.
Warum habe ich die Zeit mit Mama nie mehr geschätzt,
als sie noch gesund war?
Bevor die Depressionen kamen.
Bevor es in ihrem Kopf zu regnen begann.
Bevor sie einen Regenschirm brauchte –
und ihn dann verloren hat.
Bevor Papa ein Mörder wurde.
Bevor Felix kam.
Ich habe die Zeit mit Mama immer für selbstverständlich gehalten.
Das war sie nie.
Warum habe ich das nicht früher begriffen?
Ich habe Mama versprochen, mit niemandem über sie zu reden.
Aber mit dir darf ich.
Du bist die Einzige, die mir zuhört.
Die meine Gedanken kennt.
Die ich nicht enttäuschen kann.
Danke, Tagebuch.
Danke, dass es dich gibt.
Es ist Abend, Heiligabend.
Ich bin allein.
Felix ist mit ein paar betrunkenen Männern unterwegs.
Er war schon am frühen Morgen weg.
Wenigstens etwas.
Manchmal wünschte ich, ich wäre größer.
Dann könnte ich eine andere Tür einbauen –
eine, durch die er nicht mehr reinkommt.
Dann hätte Mama endlich keinen Grund mehr, traurig zu sein.
Aber so einfach ist das nicht.
Ich weiß genau, dass er morgen früh wieder auf dem Sofa liegen wird.
Und ich kann nichts dagegen tun.
Ich sitze gerade bei Mama im Bett und schreibe dir.
Ich will wach bleiben,
um bei ihr zu sein, wenn sie aufwacht.
Ich habe angefangen, aufzuschreiben,
wann Mama wach wird
und wann sie eine neue Tablette nimmt.
Dafür habe ich die ganzen Weihnachtsferien
bei ihr im Schlafzimmer verbracht.
Vielleicht sollte ich öfter hier sein.
Felix kommt selten ins Schlafzimmer.
So lässt er mich wenigstens in Ruhe.
Ich habe in der Zeit viel beobachtet.
Mama wird mehrmals am Tag wach –
aber sie nimmt mich kaum wahr.
Manchmal steht sie auf,
nimmt nur eine Tablette
und legt sich wieder hin.
Manchmal starrt sie ewig die Decke an
und sagt gar nichts.
Ich habe herausgefunden,
dass Mama nachtaktiv ist.
Das hatten wir gerade in der Schule:
Tiere, die nachts wach sind
und am Tag schlafen.
Nachts steht Mama auf,
isst etwas von dem, was ich gekocht habe,
geht ins Bad.
Manchmal schaut sie kurz in mein Zimmer.
Aber meistens verschwindet sie wieder im Bett.
Das Medikament heißt Lorazepam.
Manchmal nimmt Mama zwei Tabletten am Tag,
manchmal drei.
Morgens, ganz früh –
wenn ich eigentlich noch schlafe –
nimmt sie die erste.
Das ist oft der Moment,
an dem sie mir Frühstück macht.
Ganz still.
Zwischen 12 und 15 Uhr nimmt sie die zweite.
Manchmal auch eine dritte.
Oder sie schläft einfach durch.
Eigentlich ist ein Tagebuch dafür da,
wie man sich fühlt.
Aber ich weiß nicht, wie ich mich fühle.
Und das ist ein komisches Gefühl.
Ich bin nicht traurig.
Nicht wütend.
Nicht fröhlich.
Ich fühle... nichts.
Das macht mir Angst.
Es fühlt sich an,
als würde das Leben einfach an mir vorbeirauschen.
Ein Tag vergeht schneller als der andere.
Als ich fünf war, habe ich mir mal den Arm geschnitten –
auf dem Spielplatz.
Jemand hatte eine kaputte Flasche im Sand vergraben.
Ich habe mich daran verletzt.
Im Krankenhaus bekam ich eine Spritze,
die meinen Arm betäubt hat,
damit der Arzt die Wunde nähen konnte.
So fühle ich mich.
Wie betäubt.
Nicht wirklich da.
Nur mit dem Unterschied,
dass es trotzdem weh tut.
Ich spüre den Schmerz nicht,
aber er ist da.
Er nimmt mir die Kraft.
Er nimmt mir den Mut.
Er nimmt mir die Hoffnung.
Ich bin ins Wohnzimmer gegangen
und habe den Fernseher eingeschaltet.
Das erste Mal,
seit Felix bei uns wohnt.
Sonst blockiert er immer das Sofa.
Ich musste erst ein paar leere Flaschen vom Tisch räumen,
um überhaupt etwas sehen zu können.
Es lief:
„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel."
Ich mag den Film.
Und irgendwie fühle ich mich gerade wie sie.
Sie hat auch kein einfaches Leben.
Eine böse Stiefmutter,
die ihr alles schwer macht.
Ich habe einen bösen Stiefvater
und eine böse Gewitterwolke,
die nicht aus Mamas Kopf verschwinden will.
Aschenbrödel hat Glück.
Sie findet einen Prinzen.
Wird reich.
Muss sich nie wieder Sorgen machen.
Bekommt ein neues Leben.
Ich nicht.
Ich will auch gar kein neues Leben.
Ich will mein altes zurück.
Das Leben,
bevor Mama krank wurde.
Bevor Felix da war.
Bevor es bei uns angefangen hat zu regnen.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Fiksi UmumDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
