Freitag, 07. September. 2012

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Liebes Tagebuch,

Es war klar, dass es früher oder später so weit kommen würde, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so schnell geschehen würde. Henry hat in den letzten Tagen immer wieder versucht, mich nach dem Unterricht abzufangen, um mit mir zu sprechen. Aber ich bin ihm jedes Mal ausgewichen.

Heute in der ersten Stunde kam Frau Schröder in die Klasse. Wir hatten gerade Kunst, was mir eigentlich ganz recht war – ich mag dieses Fach nämlich nicht besonders. Auch wenn unsere Lehrerin immer sagt, dass jeder malen kann, wenn er es nur versucht – ich kann es wirklich nicht. Oder warum bekomme ich sonst immer eine Vier? Zum Glück schreiben wir manchmal auch etwas über Stilrichtungen oder Kunstgeschichte. Das rettet meinen Notendurchschnitt.

Ich habe mich genau so lange darüber gefreut, dass Frau Schröder den Unterricht unterbrochen hat, bis sie sagte: „Marlene, kommst du bitte mal mit raus?"
„Hast du irgendwas ausgefressen?", flüsterte Karla, die neben mir saß. Ich schüttelte nur den Kopf und ging mit Frau Schröder mit.

Sie führte mich den Gang entlang, öffnete eine Tür und sagte, ich solle hineingehen. Als ich hineinschaute, saß dort Henry. Ich wollte gleich zurückweichen, aber Frau Schröder stand hinter mir.
„Was wird das?", fragte ich.
„Herr Ritter möchte mit dir sprechen. Geh zu ihm", sagte sie nur – und schloss die Tür.

Er saß an einem Tisch, gegenüber war ein Stuhl frei. Ich wusste sofort: Das gefiel mir nicht. Aber ich wusste auch, dass es Ärger geben würde, wenn ich jetzt einfach wieder ging. Das hatte er sich gut überlegt. Wir schwiegen uns eine ganze Weile an.
„Marlene, setz dich bitte zu mir", sagte er schließlich.
„Ich möchte gehen", antwortete ich.
„Du kannst nicht ewig vor mir weglaufen. Es tut mir leid, dass ich es jetzt so machen musste, aber ich möchte, dass wir beide miteinander klarkommen. Dafür müssen wir miteinander reden", sagte er.

Ich sagte erneut, dass ich gehen wollte. Doch Henry stand auf und kam auf mich zu.
„Marlene, findest du das nicht albern? Du bist fast zwölf. Du solltest in der Lage sein, ein normales Gespräch mit mir zu führen", sagte er und kam noch näher.

„Komm mir nicht zu nah!", sagte ich schnell und wich zurück. Doch er redete weiter und kam mir trotzdem näher.
„Du sollst weggehen! Du sollst mich in Ruhe lassen!", schrie ich – und konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich hatte einfach nur Angst. Und ich glaube, das hat er auch gemerkt.

„Marlene, ich bin Lehrer. Wenn ich dir auch nur ein Haar krümmen würde, wäre ich meinen Job los. Ich tue dir nichts", sagte er.
Ich fühlte mich eingeengt und versuchte, ruhig zu bleiben.
„Geh bitte ein Stück weg von mir", sagte ich schließlich – und er trat einen Schritt zurück. Ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen.

„Was auch immer dieser Kerl dir angetan hat – ich bin nicht er", sagte Henry.
Ich fragte ihn, ob er schon mal vor etwas so richtig Angst gehabt habe. Ich glaube nicht, dass er es wirklich versteht.
Er fragte mich, was er tun müsse, damit ich ihm vertrauen könne. Ich sagte ihm, dass ich Zeit brauche – dass es nicht einfach so geht, wie er sich das vielleicht wünscht. Und dass er aufhören solle, mich so zu bedrängen.

Dann sprach er von Mama. Dass sie mich vermisst. Dass sie sich jeden Tag Vorwürfe mache.
Und ja – ich habe mich oft verlassen gefühlt. Ich habe mit all meiner Kraft für sie gekämpft, aber es kam nie etwas zurück. In der Schule war ich der Außenseiter. Selbst die Lehrer machten mich fertig. Und Felix... er hat es alles nur schlimmer gemacht.
Ja, Mama war krank. Aber sie kann mir nicht erzählen, dass sie nichts davon mitbekommen hat. Ich war neun, und sie hat mir gesagt, ich soll kämpfen. Das habe ich. Bis ich keine Kraft mehr hatte. Die Welt ist über mir zusammengebrochen.

Die Polizei hat mich schließlich mitgenommen – aus unserem Zuhause, von Mama weg, in eine fremde Familie. Ich durfte sie lange nicht sehen. Und jedes Mal, wenn es einen Versuch gab, dass ich zurückkomme, hatte sie wieder einen Rückfall.

Ich habe ihr von Anfang an gesagt, dass Felix nicht gut für uns ist, aber sie wollte nicht auf mich hören.

Henry fragte mich dann, ob ich von ihm dasselbe denke. Ich schüttelte den Kopf.

Ich sagte ihm auch, dass Mama lange so getan hat, als wäre sie die Einzige, die unter der Krankheit leidet. Dass sie nie begriffen hat, wie sehr ich mitgelitten habe. Ich habe ihr irgendwann meine Tagebücher gegeben, damit sie endlich versteht, wie es mir ging. Seitdem geht es ein bisschen besser zwischen uns – aber zusammenleben? Das funktioniert einfach nicht mehr.

Henry sagte, dass er Mama sehr mag und dass sie vielleicht bald zusammenziehen wollen – aber nur, wenn ich einverstanden bin. Wenn ich seinetwegen nicht mehr zu ihr gehen würde, dann wolle er warten. Oder er würde ihr helfen, es nochmal zu versuchen. Nochmal einen Versuch zu starten wieder dauerhaft bei Mama zu sein. Vielleicht, meinte er, wäre es einfacher, wenn Mama nicht mehr allein wäre.

Aber diese Chance ist vorbei. Ich werde in der Pflegefamilie bleiben. Mama hat mich beim letzten Mal freiwillig zurückgegeben. Sie wusste, dass das die letzte Chance war – und sie hat es trotzdem getan. Noch eine wird es nicht geben.

Tagebuch, ich glaube... Henry ist doch ganz in Ordnung.

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Wenn ich diesen Eintrag heute lese, kommen mir sofort wieder die Gefühle von damals hoch: der Druck, das Misstrauen, die Angst – aber auch die leise Hoffnung, dass vielleicht doch nicht alle Menschen wie Felix sind. Es war ein Gespräch, das mich aufgewühlt, aber auch irgendwie gestärkt hat. Denn es zeigte mir, dass ich Nein sagen darf. Dass ich nicht verpflichtet bin, jemandem sofort zu vertrauen, nur weil er mit Mama zusammen ist oder ein Lehrer oder ein „Guter". Ich durfte misstrauisch sein – und Henry hat mich trotzdem nicht weggestoßen. Er hat gewartet. Er hat mir Zeit gelassen.

Als Kind fühlte sich das oft so an, als müsste ich den Erwachsenen gefallen. Als müsste ich funktionieren, damit sie nicht enttäuscht sind oder mich wieder weggeben. Aber Henry hat mir in diesem Moment – vielleicht ohne es zu wissen – ein Stück Kontrolle zurückgegeben. Ich durfte entscheiden, wie nah er mir kommt. Ich durfte sagen, wann ich bereit bin zu sprechen.

Und das war so wichtig für mich.

Ich weiß heute, wie gefährlich es ist, wenn man Kindern nicht die Möglichkeit gibt, selbst zu bestimmen, wem sie sich öffnen wollen. Henry hat in diesem Moment die richtige Entscheidung getroffen. Er hat seine Rolle als Lehrer nicht ausgenutzt, um sich Respekt zu erzwingen, sondern mir die Verantwortung für unser Verhältnis zurückgegeben.

Ich bin dankbar dafür.

Denn dieses Gespräch war der Anfang davon, dass ich irgendwann verstanden habe: Nicht jeder Mensch ist eine Gefahr. Und ich muss nicht mehr kämpfen, um gesehen zu werden – ich darf auch einfach sein.

Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt