Liebes Tagebuch,
ich bin wieder bei Luana. So langsam kehrt ein halbwegs normaler Alltag ein, aber in meinem Inneren tobt noch immer das Chaos. Ich versuche, Mamas Worte zu verstehen. Versuche, mir einzureden, dass sie mich nicht loswerden wollte, sondern wirklich nur mein Bestes im Sinn hatte. Aber es fühlt sich falsch an, so sehr ich es mir auch einzureden versuche.
Oft bin ich draußen im Garten und sitze auf der Schaukel. Es hilft mir, nachzudenken. Die Bewegung ist wie ein leises Wiegen, das die Gedanken in Gang bringt. Es ist still geworden im Haus. Liv ist mit Jonah in ihre eigene Wohnung gezogen. Linus scheint die Ferien größtenteils bei seiner Freundin zu verbringen. Nala ist ständig mit ihren Freundinnen unterwegs. Nur Eleni ist dauernd bei mir – zu oft im Moment. Meistens schicke ich sie weg. Nicht, weil ich sie nicht mag. Ich brauche einfach Zeit für mich. Zeit, um zu sortieren, was in mir passiert.
Heute, als ich nach einer Weile wieder in mein Zimmer ging, lag ein Umschlag auf meinem Schreibtisch. In dieser wackeligen, unsicheren Handschrift stand „Für Marlene" darauf. Eleni hatte mir einen Brief geschrieben.
Vorne auf dem Papier stand ein Satz, den ich ihr einmal mitgegeben hatte:
„Menschen sind Engel mit einem Flügel. Wenn wir uns umarmen, können wir fliegen."
Seitdem ich ihr die Geschichte mit dem Sternenhaus erzählt hatte, war das ihr liebster Spruch geworden. Ich faltete das Papier auseinander und begann zu lesen:
Liebe Marlene,
seit du wieder da bist, bist du irgendwie anders. Ich vermiss' dein Lachen. Früher hast du mich immer zum Lächeln gebracht. Du hast mir immer gesagt, dass ich die Hoffnung nicht verlieren soll und dass bald wieder bessere Zeiten kommen. Also musst du das jetzt auch glauben, okay?
Holly hat mal gesagt – wenn Mama und Papa wieder gestritten haben oder gemein zu uns waren:
„Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende."
Ich glaub, sie hatte recht.
Ich will dir sagen, dass das nicht das Ende ist. Es ist nur ein blöder Moment. Aber wir sind jetzt in einer richtig guten Familie gelandet – das weiß ich jetzt auch. Es hätte auch viel schlimmer kommen können. Darum dürfen wir auch mal froh sein.
Ein Kind braucht drei Sachen, um glücklich zu sein:
Essen, ein Dach über dem Kopf – und ganz, ganz, ganz viel Liebe und Kuscheln!
Also wenn du mal kuscheln willst, kannst du einfach zu mir kommen.
Ich kuschel sehr gern.
Holly hat auch gesagt:
„Arm ist man nicht, wenn man wenig hat – sondern wenn man zu viel will."
Manche Leute mit ganz viel Geld sind trotzdem unglücklich. Aber wir... wir können trotzdem glücklich sein.
Und Marlene?
Du musst nicht traurig sein wegen deiner Mama.
Du hast ja noch mich!
Deine Eleni
Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Der Brief war so liebevoll und hätte genauso von mir an sie kommen können. Als ich mich umdrehte, stand Eleni in der Tür, mit ausgestreckten Armen. Ganz leise, aber bestimmt, fragte sie, ob ich zum Kuscheln kommen wolle.
Ich musste lachen. Und ich nahm sie fest in den Arm.
Es tat verdammt gut.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Ficção GeralDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
