Sonntag, 12. September. 2010

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Liebes Tagebuch,

Ich tue es schon wieder, Tagebuch. Ich will helfen – anderen Mut machen, offen zu sprechen, nicht zu schweigen. Ich habe mich bei den Schulsanitätern angemeldet, damit ich genau das tun kann: da sein. Für andere. Aber ich selbst? Ich schweige.

Mama hat einen Rückfall. Ganz eindeutig. Sie steht kaum noch auf, isst kaum, redet wenig. Wenn das Jugendamt kommt, ist sie wie ausgewechselt. Sie schafft es, für ein paar Minuten wach zu sein, zu lächeln – wie eine Schauspielerin auf einer Bühne. Und niemand merkt, was wirklich los ist. Paulina war schon seit Wochen nicht mehr hier. Alle glauben, es geht Mama gut. So wie ich es eine Zeit lang auch geglaubt habe.

Karla hat es gemerkt. Natürlich hat sie es gemerkt. Und wir haben uns gestritten. Ich habe versucht, sie zu beruhigen, so zu tun, als sei alles okay. Aber sie ist nicht böse. Das wäre sie niemals. Sie weiß, dass ich sie brauche. Und ich bin ihr so dankbar dafür, dass sie bleibt – auch wenn ich sie von mir wegstoße.

Aber sie ist nicht die Einzige, die etwas merkt. Meine Noten sind im freien Fall. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Und Frau Schröder hat mich heute in ihr Büro gerufen. Sie ist jetzt die Schulleiterin, seit Frau Honig in Rente gegangen ist. Sie fragte, was los ist – und ich habe gelogen. Ich habe gesagt: „Alles ist in Ordnung."
Und ich hasse mich dafür. Weil nichts in Ordnung ist.

Frau Schröder hat vermutet, dass etwas mit Mama nicht stimmt. Sie sagte, dass meine Noten sonst nie so plötzlich abstürzen. Sie hat recht. Aber was soll ich sagen, Tagebuch? Was ist richtig?
Soll ich Mama verraten, damit sie Hilfe bekommt? Oder soll ich weiter schweigen, damit sie nicht böse auf mich ist? Ich kann mir nicht vorstellen, sie noch einmal zu verlieren. Noch einmal getrennt zu werden.

Lieber sehe ich sie jeden Tag, auch wenn sie schläft, als dass ich Monate lang nicht weiß, ob sie überhaupt noch lebt.

Wer ist schuld an all dem?
Bin ich es?
Bin ich schuld, dass Mama wieder in diesen Strudel geraten ist?
Oder sind es die Ärzte, die sie zu früh entlassen haben?
Oder ist es Papa?
Dieser eine Mensch, der nicht mehr da ist und trotzdem immer wieder zurückkehrt – in Mamas Gedanken, in diesem verfluchten Bild an der Wand.

Dieses Bild hat alles zerstört. Wieder einmal. Es ist, als ob Papa ein zweites Mal gewonnen hat – ganz ohne da zu sein. Ohne ein Wort. Nur durch ein altes Foto.

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Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich ein Kind, das Verantwortung trug, die viel zu schwer war. Ich wollte helfen – mit aller Kraft. Und trotzdem fühlte ich mich ständig als Versagerin. Ich erkannte nicht, dass ich selbst Hilfe gebraucht hätte. Dass ich selbst am Rand stand – still, mit einem Lächeln, während in mir alles schrie. Mein Schweigen war kein Verrat an Mama. Es war der verzweifelte Versuch, sie nicht zu verlieren.

Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt