Liebes Tagebuch,
ich beginne mich zu fragen, ob ich vielleicht ein schlechter Mensch bin. Ob ich nicht genug für Mama gekämpft habe.
Es fühlt sich komisch an, dass ich mich hier inzwischen ein bisschen wohlfühle. Ich erlebe wieder Dinge, die ich lange vermisst habe: Geborgenheit, Liebe, Vertrauen und Sicherheit. Alles, was in den letzten zwei Jahren gefehlt hat.
Aber darf ich das überhaupt? Darf ich mich freuen, wenn es Mama vielleicht noch schlecht geht? Tu ich ihr damit weh? Enttäusche ich sie? Ich will sie doch nicht im Stich lassen. Ich habe so lange nur für sie da sein wollen. Und jetzt... denke ich zum ersten Mal auch ein bisschen an mich.
Gerade eben hat Luana mich besucht. Sie hat gemerkt, dass mich etwas beschäftigt. Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht weiß, ob es richtig ist, dass ich mich hier wohlfühle.
Luana meinte, dass es nichts Schlechtes ist. Im Gegenteil. Sie glaubt sogar, dass Mama sich freuen würde, wenn sie wüsste, dass es mir hier gut geht.
Sie hat gesagt, dass ich wieder lernen darf, ein Kind zu sein. Dass ich zwei Jahre lang viel zu viel Verantwortung getragen habe. Und dass ich jetzt auch mal an mich denken darf.
Ich habe ihr gesagt, dass ich mich leer fühle, seit ich nicht mehr bei Mama bin.
Luana meinte, das ist normal. Weil der ganze Stress plötzlich weg ist. Und dass diese Leere dazugehört, wenn man wieder gesund wird.
„Deine Mama muss jetzt für sich selbst kämpfen," hat sie gesagt. „Du hast lange für sie gekämpft. Jetzt ist sie dran."
Ich hoffe nur so sehr, dass sie das schafft. Ich konnte lange bei ihr sein, sie berühren, ihren Atem hören. Jetzt ist sie weg. Und ich weiß nicht, wie es ihr geht.
Tagebuch, ich wünsche mir, dass sie nicht aufgibt. Ich habe zwei Jahre lang für sie gekämpft. Jetzt muss sie für mich kämpfen.
Sie muss diesen Weg weitergehen, den wir gemeinsam begonnen haben. Und ich werde am Ziel auf sie warten.
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Ich blickte mit einem kurzen Lächeln auf diese Zeilen. Luana wusste, wie sie mit mir umgehen musste. Ich war voller Zweifel, voller Angst – und doch schaffte sie es, mir langsam das Gefühl zu geben, sicher zu sein.
Luana war mein Anker in dieser Zeit. Ein Anker, den ich anfangs für eine Gegnerin hielt. Aber wenn Kinder schreien, Türen knallen oder sich verschließen, dann sind das keine Angriffe. Es sind Hilfeschreie. Bitten um Nähe, um Schutz, um Sicherheit. Um Liebe.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Fiction GénéraleDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
