Montag, 24. Dezember. 2012

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Liebes Tagebuch,

heute ist Weihnachten.

Heute Morgen fand unsere traditionelle Weihnachtsaktivität statt: das große Plätzchenbacken. Liv und Jonah kamen vorbei, um den Tag mit uns zu verbringen, und es war schön, sie wiederzusehen. Liv gehört einfach zu uns – auch wenn sie nicht mehr hier wohnt.

Lyara wirkte heute fast wie ausgewechselt. Zum ersten Mal, seit sie bei uns ist, schien sie sorglos zu sein. Das Backen hat sie wohl von ihren Sorgen abgelenkt. Auch Leo hatte sichtlich Spaß. Dass er sich langsam einlebt und sich sogar bei Eleni entschuldigt hat, hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Aber ich war froh darüber.

Eleni scheint nun besser mit Leo zurechtzukommen, auch wenn sie sich noch oft aus dem Weg gehen. Es ist, als würde zwischen ihnen eine vorsichtige Ruhe herrschen – nicht ganz Vertrauen, aber auch kein Kampf mehr.

Nach dem Mittagessen kam Linus zu Besuch. Ich habe mich riesig gefreut. Er hatte Leo und Lyara noch nicht kennengelernt und ich hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen. Doch Linus war nicht allein. Er brachte eine Frau mit – seine neue Freundin. Schon wieder eine. Ich gebe zu, ich bin bei neuen Menschen eher zurückhaltend. Linus hat bisher nicht unbedingt ein gutes Händchen für Partnerinnen gehabt. Seine letzte Freundin, Constanze, war eine Katastrophe. Luana musste sich damals regelrecht auf die Zunge beißen, um nichts zu sagen, als sie mit ihren schmutzigen Schuhen über den frisch gewischten Boden lief. Ich erinnere mich noch gut daran, wie erleichtert alle waren, als sie endlich wieder ging.

Jolie, seine neue Freundin, war anders. Ruhig, freundlich, ungefähr in Livs Alter – und sie schien zu allen sofort einen guten Draht zu finden. Sie stellte sich bei jedem einzeln vor und nahm sich Zeit für Gespräche. Ich mochte sie auf Anhieb.

Aus einem Gespräch zwischen ihr und Luana habe ich erfahren, dass sie Sozialarbeiterin ist – sie arbeitet also mit Kindern wie Eleni, Leo, Lyara oder auch mir. Besonders Eleni schien sich mit ihr wohlzufühlen. Ich habe sie selten so viel reden gehört wie heute.

Lyara hingegen schien irgendwann überfordert. Die vielen Menschen, das Gewusel, das Lachen, das Klingeln der Gläser – es war zu viel. Sie zog sich in ihr Zimmer zurück. Ich wollte nicht, dass sie Weihnachten allein verbringt und bin ihr nachgegangen.

Als ich eintrat, saß sie auf ihrem Bett, umgeben von Plüschtieren und starrte aus dem Fenster. Irgendetwas schien sie wieder einzuholen – etwas, das sie erschöpfte.

Ich fragte, ob alles in Ordnung sei. Sie erschrak, sagte aber nichts – sie nickte nur. Ich wusste, dass sie mir nicht antworten würde. Trotzdem blieb ich. Ich setzte mich zu ihr.

Ich sagte ihr, dass es nicht gut ist, alles in sich hineinzufressen. Dass ich selbst lange Zeit dachte, Mamas Krankheit sei meine Schuld. Und dass ich das Gefühl habe, sie trägt auch eine Last mit sich herum, die nicht ihre ist.

Sie sagte nichts, doch ihr Blick veränderte sich. Sie spielte nervös mit einer Haarsträhne. Sie wollte sich öffnen, aber irgendetwas hielt sie zurück.

Ich erklärte ihr, dass es in Ordnung ist, wenn sie noch nicht reden möchte. Dass sie warten kann, bis sie bereit ist. Aber dass sie nicht allein ist – dass wir alle für sie da sind. Ich wollte ihr sagen, dass es auch einen Weg zurück ins Leben gibt, wenn man lange im Schatten gestanden hat.

Als ich das Zimmer verließ, stand Liv draußen. Sie hatte wohl einen Teil des Gesprächs mitbekommen.

„Ich bin stolz auf dich, Marlene", sagte sie. „Ich bin froh, dass du dich so entwickelt hast. Aus dir ist ein wunderbarer Mensch geworden, das darfst du nie vergessen. Und ich finde es gut, dass du versuchst, auch aus den anderen tolle Menschen zu machen. Aber du musst eines wissen: Diese tollen Menschen gibt es schon. Man braucht nur sehr viel Geduld, um sie herauszulocken. Und du bist auf einem guten Weg, das zu schaffen."

Diese Worte haben mir Kraft gegeben, Tagebuch. Früher habe ich zu Liv aufgesehen. Vielleicht bin ich jetzt jemand, zu dem andere aufblicken können.

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