Liebes Tagebuch,
die Zwillinge sind jetzt ein paar Tage bei uns, und langsam beginne ich, sie besser zu verstehen. Lyara ist immer noch sehr still, aber ich habe den Eindruck, dass sie sich hier bei uns zunehmend sicherer fühlt. Zwischen ihr und Eleni scheint sich eine besondere Verbindung zu entwickeln – fast so, als könnten sie sich auch ohne Worte verstehen.
Leo dagegen hat seine anfängliche Zurückhaltung längst abgelegt. Seine Stimmung ist gereizt, seine Worte scharf, besonders gegenüber Eleni. Sie scheint mit seiner Grobheit schwer umgehen zu können, und es verunsichert sie sichtlich.
Gerade ist es früher Morgen. Mein Wecker zeigte 3:13 Uhr, als ich aufgewacht bin. Ich hatte wieder dieses Geräusch gehört – das Quietschen des Fensters im Zimmer nebenan. Leos Zimmer. Bereits gestern Nacht war mir das aufgefallen, aber erst heute habe ich beschlossen nachzusehen. Und tatsächlich: Das Fenster stand offen, und Leo war nicht im Zimmer.
Ich zog mir rasch etwas über, griff zur Taschenlampe und ging hinaus in die Kälte. Auf der Bank hinter dem Haus saß er – nur im Schlafanzug, in der klirrenden Dezembernacht, in der sogar Schnee lag. Ohne ein Wort hielt ich ihm eine Jacke hin. Er nahm sie widerwillig an.
Tagebuch, ich glaube, dass ich mich zuerst um Leo kümmern muss. Erst wenn er seinen Panzer fallen lässt und sich öffnet, wird man an Lyara herankommen. Im Moment schüchtert ihr Bruder sie zu sehr ein und man kommt nicht an sie heran.
Ich habe mich langsam zu ihm auf die Bank gesetzt.
Das hat ihm gar nicht gefallen – sofort hat er mich angeschnauzt.
Aber ich bin geblieben.
Heute kann ich sowas aushalten. Es verletzt mich nicht mehr so wie früher.
Was danach kam, arbeitet noch immer in mir. Vielleicht schreibe ich deshalb mitten in der Nacht – weil es sonst immer wieder in meinem Kopf kreist. Vielleicht hilft es, es aufzuschreiben.
„Warum kletterst du eigentlich aus dem Fenster? Dieses Haus hat, wie jedes andere auch, eine Tür", sagte ich.
Aber er antwortete nicht. Sah mich nicht mal an.
„Wir sperren euch hier nicht ein, Leo. Die Türen sind offen. Das hier ist kein schlimmer Ort. Niemand will euch etwas antun oder eure Familie auseinanderreißen. Wenn eure Mutter wiederkommt – wenn sie gefunden wird – dann könnt ihr zu ihr zurück. Das weißt du, oder?"
Er schwieg kurz, dann murmelte er:
„Die kommt nicht wieder."
„Wie meinst du das?", fragte ich leise.
„Das geht dich nichts an. Halt dich da raus! Was mit mir und Lyara ist, kann dir egal sein!", schrie er.
Und plötzlich war er wieder der Leo, den ich kennengelernt hatte.
Kurz war da etwas gewesen – ein Riss in der Mauer. Aber nur für einen Moment.
„Du hast recht", sagte ich ruhig. „Es geht mich nichts an. Aber egal ist es mir nicht."
Ich sah ihn an.
„Ich will dir mal was sagen: Eleni und ich – wir sind auch mal hier angekommen. Es war nicht leicht. Wir mussten unsere Kämpfe allein durchstehen. Aber ihr zwei habt euch. Ihr seid nicht allein. Und trotzdem kämpft ihr gegeneinander, statt miteinander."
Er sah weg. Ich sprach weiter.
„Ich weiß, dass du Lyara liebst. Das sieht man. Aber warum bist du dann so gemein zu ihr? So hilfst du ihr nicht. Denk mal drüber nach, Leo."
Dann stand ich auf und ging zurück ins Haus.
Ich ließ ihn in Ruhe, aber ich glaube, dass meine Worte ihn trotzdem erreicht haben. Zumindest blieb er sitzen. Ich ließ ihm die Taschenlampe da. Vielleicht, weil ich wusste, wie es sich anfühlt, wenn man sich in der Dunkelheit allein fühlt.
Leo trägt einen dicken Panzer, und dieser schützt ihn vor allem – auch vor sich selbst. Aber Panzer sind schwer, und irgendwann bricht man darunter zusammen. Ich glaube, dieser Moment wird kommen. Und wenn er so weit ist, dann will ich bereit sein. Ich will, dass er weiß, dass da jemand ist, der ihn auffängt.
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Wenn ich heute an Leo und Lyara zurückdenke, muss ich oft an meine ersten Begegnungen mit der sogenannten Kurzzeitpflege denken. Damals wusste ich nicht, was das bedeutet. Ich dachte, Pflegekinder kämen zu einer Familie, um zu bleiben. Doch für viele Kinder ist dieser Aufenthalt nur ein Übergang. Ein Warten. Eine Zwischenstation.
Kurzzeitpflege bedeutet: Du darfst bleiben – aber nur, bis jemand anderes gefunden wird. Es bedeutet: Nimm nicht zu viel Platz ein. Baue keine Wurzeln. Sei dankbar, aber bitte nicht zu anhänglich. Und: Bleib möglichst unauffällig, damit niemand merkt, wie sehr du dir wünschst, bleiben zu dürfen.
Leo und Lyara hätten genauso gut in einer solchen Übergangspflege landen können. Es war Glück – und Luanas Entscheidung –, dass sie bei uns bleiben durften. Heute weiß ich: Es war keine Selbstverständlichkeit. Gerade deshalb habe ich versucht, ihnen von Anfang an das Gefühl zu geben, dass sie hier willkommen sind. Auch wenn Leo sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat.
Ich bin dankbar, dass Luana den Mut hatte, ihre Rolle neu zu denken. Dass sie nicht nur eine Station auf Zeit sein wollte, sondern ein echtes Zuhause bieten konnte. Für mich. Für Eleni. Für Leo und Lyara. Und für alle, die noch kommen würden.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
