Montag, 22. Februar. 2010

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Liebes Tagebuch,
Heute war die Schule echt anstrengend. Ich bin erst gegen eins eingeschlafen und wurde um sechs von Karlas Mutter geweckt. Es fiel mir unglaublich schwer, aufzustehen – erst eine Tasse heißer Kakao hat mich dann doch ein bisschen motivieren können.

Karla und ich haben uns nach einer Schale Müsli auf den Weg zur Schule gemacht. In der ersten Stunde hatten wir Mathe. Normalerweise ist das eines der Fächer, die mir am leichtesten fallen. Ich beschäftige mich lieber mit Zahlen als mit Buchstaben – auch wenn ich viel schreibe, mag ich Diktate und die vier Fälle nicht besonders. Aber heute konnte ich mich einfach nicht konzentrieren, und das ausgerechnet bei einer großen Arbeit.

Ich habe es geschafft, meinen Namen auf das Blatt zu schreiben. Nicht mal das Datum oder meine Klasse habe ich noch hingekriegt. Meine Gedanken waren immer noch bei dem Streit mit Luana und dem Telefonat mit Mama. Immer wenn ich versuchte, mich zu konzentrieren, starrte ich nur auf mein leeres Blatt. Es blieb leer – bis auf meinen Namen: Marlene König.

In letzter Zeit denke ich einfach zu viel nach. Es macht mir Angst. Ich versuche mir einzureden, dass ich keine Schande bin, aber die Zweifel lassen mich nicht in Ruhe. Ich frage mich ständig, wie alles anders hätte sein können, wenn ich nur eine Kleinigkeit verändert hätte. Wenn ich Frau Schuster an einem Donnerstag angerufen hätte. Wenn ich Frau Krause eingeweiht hätte. Wenn ich Paul, den Mann von der Brücke, um Hilfe gebeten hätte. Vielleicht hätte das etwas geändert. Vielleicht wäre Mama jetzt gesund. Vielleicht könnte ich heute mehr als nur meinen Namen auf ein blödes Stück Papier schreiben.

Mathe war das einzige Fach, in dem ich zuletzt eine Zwei geschafft hatte. In den anderen Fächern bin ich mittlerweile bei einer Drei. Das ist zwar viel besser als früher, aber ich frage mich trotzdem, wie ich die letzten zwei Jahre überhaupt überstanden habe. Ich habe mehr Fünfen geschrieben, als ich zählen kann – und trotzdem bin ich durchgekommen.

Während der Stunde hat mich Liv erschreckt, als sie meine Schulter berührte. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich weinte. Frau Schröder hatte Liv aus dem Unterricht geholt, um mit mir zu reden, aber ich war so in Gedanken versunken, dass ich sie gar nicht bemerkt hatte.

Liv hat mich mit nach Hause genommen. Frau Schröder meinte, ich solle mir wegen dem Test keine Sorgenmachen; ich könnte ihn nachholen. Ich weiß nicht mehr genau, wie wir dahin gekommen sind – alles rauschte nur an mir vorbei. Zuhause war niemand, aber ich wusste, dass Liv Luana informiert hatte. Sie hat mir Tee gemacht und mich gefragt, was los sei. Was ich fühle. Ich wusste es selbst nicht. Ich konnte es einfach nicht sagen.

Als Luana kam, trug sie noch ihren Arztkittel. Sie sagte, dass sie mir helfen möchte – aber dafür müsse sie verstehen, was in mir vorgeht. Sie fragte, ob sie in mein Tagebuch sehen darf. Ich habe es ihr erlaubt.

Sie und Liv haben lange mit mir gesprochen. Ich konnte endlich alles loswerden – meine Sorgen, meine Wut, meine Angst. Es hat gutgetan. Liv ist bis abends bei mir geblieben und hat mir geholfen, meine Gedanken ein wenig zu sortieren.

Es geht mir jetzt ein kleines Stück besser. Ich hoffe, dass es morgen noch ein bisschen besser wird. Ich bin müde, Tagebuch. Ich hole jetzt den Schlaf nach, den ich letzte Nacht nicht gefunden habe.

Gute Nacht.

Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag. Wie leer ich mich gefühlt habe. Wie es war, als das erste Mal jemand mein Tagebuch lesen durfte – mein innerstes Ich. Es war ein Akt des Vertrauens, den ich mir damals kaum eingestehen konnte. Heute weiß ich, wie wichtig dieser Moment war. Es war der erste Schritt heraus aus meinem inneren Versteck. Ein Anfang. Vielleicht der wichtigste.

Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt