Samstag, 21. Dezember. 2013

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Liebes Tagebuch,

warum machen Erwachsene eigentlich immer alles so kompliziert?

Ich war noch nicht einmal richtig aufgestanden, als es klingelte. Die anderen schliefen noch, also ging ich zur Tür  und da stand Liv. Müde, erschöpft, irgendwie ganz anders als sonst. Als hätte sie die ganze Nacht kein Auge zugetan.
„Hey, Marlene", sagte sie leise.
Sie sah sich kurz um und fragte dann, ob Luana schon wach sei. Ich erklärte ihr, dass alle noch schlafen, gestern waren sie ja den ganzen Tag mit Weihnachtseinkäufen unterwegs gewesen.

Irgendetwas an Liv war anders. Sie wirkte traurig, in sich gekehrt. So hatte ich sie noch nie erlebt.
Nach einer Weile fragte ich, ob sie mit Jonah gesprochen hätte. Sie fragte ob er hier gewesen war. Ich nickte. Er war am Vortag bei uns gewesen, sichtlich verzweifelt. Ich erzählte ihr, dass er sie überall gesucht und nicht gewusst hatte, wo er sonst noch hin sollte. Sie murmelte, dass er anscheinend überall gesucht habe, nur nicht bei ihrer Freundin Nora.

Ich erklärte Liv, dass Jonah das mit ihrem Studium wohl völlig falsch verstanden hatte. Er dachte, sie wolle ihr Studium komplett durchziehen und ihn mit dem Baby alleinlassen. Dass es nur um das eine Semester ging, hatte er nicht begriffen. Ich hatte versucht, ihm klarzumachen, dass es besser sei, abzuwarten, bis sie beide zur Ruhe gekommen seien. Hektisches Suchen bringe in solchen Momenten selten etwas.

Liv wurde still. Dann sagte sie, Jonah habe ihr gar nicht die Gelegenheit gegeben, sich zu erklären. Ich verstand das. Gleichzeitig wusste ich auch, dass Jonah einfach überfordert gewesen war. Es ging ihm doch nur darum, dass das Baby viel Zeit mit seiner Mutter verbringen sollte. Liv schien darüber nachzudenken.

Ich konnte nicht anders, als sie an das zu erinnern, was sie mir immer geraten hatte: offen zu sprechen, Dinge nicht in sich hineinzufressen, sondern zu klären, was einen belastet. Wenn sie jetzt wegliefe oder sich sturstellte, wäre sie kein bisschen besser als all die Erwachsenen, die uns etwas beibringen wollen, sich aber selbst nicht daran halten.

Liv sah mich lange an, dann nickte sie. Sie sagte, ich hätte recht. Und sie wolle mit Jonah reden, sobald sie ihn erreiche.

Ich hoffe sehr, dass sie das wirklich tun. Und dass sie sich vor Weihnachten wieder versöhnen. Es wäre so schade, wenn zwei Menschen, die sich eigentlich lieben, sich durch ein Missverständnis voneinander entfernen.

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Es ist seltsam, wie leicht wir vergessen, was wir selbst einmal anderen geraten haben, besonders, wenn wir selbst betroffen sind. Damals konnte ich Liv daran erinnern. Heute ertappe ich mich manchmal selbst dabei, wie ich in Situationen schweige, in denen ich als Kind den Mut gehabt hätte, zu sprechen.

Vielleicht liegt darin die größte Stärke der Kinder: Sie sehen die Dinge klarer, weil sie weniger Angst haben, sich zu irren oder sich zu zeigen. Ich habe von Liv gelernt, wie wichtig Kommunikation ist. Aber in diesem Moment durfte ich ihr genau das zurückgeben, eine Erinnerung daran, dass auch Erwachsene verletzlich sind. Und dass echte Nähe nur dort wachsen kann, wo man einander zuhört, auch wenn es schwerfällt.

Manche Missverständnisse entstehen nicht, weil man sich nicht liebt, sondern weil man sich nicht zuhört. Und manchmal reicht ein ehrlicher Satz, um alles wieder in die richtige Richtung zu lenken.

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