Liebes Tagebuch,
heute ist Weihnachten – das erste Weihnachten, das ich ohne Mama verbringe. Letztes Jahr war ich zwar auch fast allein, aber ich wusste wenigstens, dass sie gleich nebenan war. An Tagen wie heute denke ich besonders viel an sie. Weihnachten ist das Fest der Liebe, der Familie. Für viele ist es das einzige Mal im Jahr, dass alle zusammenkommen. Aber warum muss man auf den 24. Dezember warten, um sich zu sehen? Ich verstehe das nicht.
Ich habe in letzter Zeit gelernt, wie wichtig die Zeit mit der Familie ist – und wie sehr man sie erst dann zu schätzen weiß, wenn sie plötzlich nicht mehr da ist. Es macht mich traurig, dass Mama dieses Weihnachten in der Klinik verbringen muss. Noch trauriger ist, dass ich sie nicht mal anrufen darf. Ich habe Luana schon ganz oft gefragt, wann ich endlich mit Mama sprechen darf. Die drei Monate sind fast vorbei. Aber Luana sagt immer nur, dass die Ärzte entscheiden – und dass sie mir deshalb nichts versprechen kann.
Trotzdem war heute ein schöner Tag. Wir haben zusammen Kekse gebacken, und ich habe heimlich mit Nala die Hälfte des Teigs vernascht, bevor er in den Ofen kam. Warum muss man Kekse überhaupt backen, wenn der rohe Teig so viel besser schmeckt? Während ich genascht habe, konnte ich mir genau vorstellen, was Mama gesagt hätte:
„Marlene, iss nicht so viel Teig, sonst bekommst du Bauchschmerzen – und denk an die rohen Eier!"
Ich höre oft Mamas Stimme in meinem Kopf, besonders in Momenten wie diesen. Es ist komisch, wie genau ich weiß, was sie sagen würde – obwohl sie gerade so weit weg ist.
Am Nachmittag haben wir das typische Weihnachtsprogramm geschaut: Märchen, eine Weihnachtsgeschichte, Michel, Pippi Langstrumpf und Der kleine Lord. Ich hatte den noch nie gesehen, aber Luana meinte, der gehöre zu Weihnachten einfach dazu.
Der kleine Lord – Cedric – ist ein Junge, der mit seiner Mutter in einfachen Verhältnissen lebt. Dann stellt sich heraus, dass sein Großvater ein Lord ist, und Cedric soll sein Nachfolger werden. Er muss in ein großes Haus ziehen, ohne seine Mutter, weil der Großvater sie nicht mag. Ich musste bei dem Film viel an mich denken. Mein Vater lebt zwar noch, aber er hat Mama kaputtgemacht. Deswegen zählt er für mich nicht mehr. Was Cedric und mich verbindet: Das Fehlen unserer Mütter. Nur... er darf seine Mutter immerhin besuchen. Ich nicht.
Der Großvater ist zuerst sehr streng und gemein. Aber Cedric verändert ihn. Am Ende sind alle vereint – Cedric, seine Mutter, sein Großvater. Es endet mit einem Weihnachtsfest.
Tagebuch, ich weiß, dass es unmöglich ist, aber ich wünsche mir, dass Mama heute Abend als Geschenk unter dem Weihnachtsbaum steht. Wir waren sogar in der Kirche – etwas, das Mama mit mir nie gemacht hat. Ich wollte auch nicht mit, aber Luana hat gesagt, dass es dazugehört.
Sie haben ein Lied gesungen über den Stern, der Maria und Josef nach Bethlehem geführt hat:
„Als alle Hoffnung am Ende war im dunklen Weltenlauf,
da ging im Stall von Bethlehem der Stern der Liebe auf."
Tagebuch, wo war mein Stern, als meine Hoffnung am Ende war? Vielleicht gibt es diesen Stern gar nicht. Vielleicht hat es ihn nie gegeben. Manchmal frage ich mich, ob ich es überhaupt verdient habe, glücklich zu sein.
Ich hasse es, dass ich mir immer selbst im Weg stehe. Dass ich zweifle, sobald es mir ein bisschen besser geht. Luana hat gesagt, ich soll aufhören, so viel nachzudenken. Ich solle mehr im Hier und Jetzt leben, ohne ständig über das „Hätte, wäre, könnte" nachzugrübeln. Sie meint, das macht mich traurig – obwohl ich eigentlich glücklich sein könnte.
Und ja, Tagebuch – hier sind wirklich alle für mich da. Aber manchmal fühle ich mich trotzdem allein. Als ob mich niemand ganz versteht.
Nach der Kirche gab es Essen, dann Geschenke. Natürlich war Mama nicht dabei – aber was hatte ich auch erwartet?
Und doch, ich habe etwas bekommen, worüber ich mich wirklich gefreut habe: Ich bin jetzt die offizielle Patin des Bärenbabys im Zoo! Ich durfte ihr sogar den Namen geben – sie heißt jetzt Muckine. Vor dem Gehege hängt ein Schild mit ihrem Namen und meinem als Patin. Außerdem habe ich eine Freikarte bekommen – ich darf so oft in den Zoo gehen, wie ich will.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
