Liebes Tagebuch,
heute ist Silvester.
Und einer der besten Tage, seitdem es Mama schlecht geht.
Heute war einer ihrer guten Tage.
Einer dieser Tage, an denen alles so ist wie früher.
An denen sie ihre Tabletten in die Ecke wirft
und fröhlich aus dem Bett springt.
Wir haben heute viel geredet.
Zusammen gekocht.
Mein Zimmer aufgeräumt.
Mama hat mir erklärt, was Depressionen noch bedeuten:
Dass selbst die kleinsten Dinge schwerfallen.
Aufstehen. Trinken. Reden.
„An meinen schwarzen Tagen", hat sie gesagt,
„ist der Himmel in meinem Kopf so dunkel,
dass ich weder eine Wolke noch die Sonne sehe."
Leider hat Mama viele von diesen schwarzen Tagen.
Tage wie heute sind selten.
Und das macht mich traurig.
Ich habe sie gefragt, was es mit den Tabletten auf sich hat –
und warum etwas, das sie zum Schlafen bringt, ihr beim Wachwerden helfen soll.
Mama hat versucht, es mir zu erklären:
„Wenn es ständig regnet in deinem Kopf
und du keinen Regenschirm mehr hast,
wird dir schlecht.
Du fühlst dich leer.
Tief drin weißt du, dass alles okay sein könnte.
Aber es fühlt sich nicht so an."
Sie sagte, sie habe sich am Anfang immer eingeredet, dass es ihr gut geht.
Aber es ging ihr nicht gut.
Und je mehr sie darüber nachdachte,
desto mehr Zweifel kamen,
desto mehr Wolken.
Ein Teufelskreis.
„Deswegen nehme ich diese Tabletten", sagte sie leise.
„Damit ich einfach mal aufhören kann zu denken.
Damit ich schlafe. Und vielleicht irgendwann
mal wieder mit klarem Kopf aufwache."
Dann hat sie gesagt:
„Es tut mir leid, meine Kleine.
Dass du das mitmachen musst.
Dass ich dir das antue.
Dass ich nicht normal bin."
Diese Worte.
Sie haben sich eingebrannt.
„Depression heißt: keine Kraft mehr haben.
Keine Kraft zum Leben.
Zum Aufstehen.
Du bist im Moment das Einzige,
was mir noch Kraft gibt, weiterzumachen.
Verstehst du das? Ich darf dich nicht verlieren."
Ich habe ihr gesagt, dass sie mich nicht verliert.
Dass ich für sie da bin.
Aber auch, dass ich langsam nicht mehr kann.
Dass mir alles zu viel wird.
Zum ersten Mal habe ich Mama erzählt,
was in der Schule los ist.
Dass ich nicht mehr zurechtkomme.
Dass ich manchmal einfach gehe,
weil ich es nicht mehr aushalte.
Mama hat gesagt, dass das okay ist.
Dass ich gehen darf, wenn ich nicht bleiben will.
Sie hat versprochen, dass wir neu anfangen,
sobald sie stark genug ist.
„Du musst kämpfen, Marlene.
Stark sein – für uns beide."
Stark sein.
Ich weiß nicht, wie lange ich das noch kann.
Ich bin kaum stark für mich selbst –
wie soll ich es für uns beide sein?
Dann hat sie mich gefragt,
was ich mir fürs neue Jahr wünsche.
Ich habe ihr etwas gesagt,
das sie zum Weinen gebracht hat:
„Ich wünsche mir,
dass dieser Tag heute nicht der einzige bleibt.
Dass du ab morgen jeden Tag aufstehst –
und dich nur noch nachts hinlegst."
Ich weiß, dass dieser Wunsch wohl nicht in Erfüllung geht.
Und ich weiß, dass es Mama traurig macht,
dass ich mir genau das wünsche.
Aber es ist mein größter Wunsch.
Ich will keine Spielsachen.
Keine Geschenke.
Ich will meine Mama zurück.
Und zwar jetzt.
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Ich sah aus dem Fenster.
Draußen schien die Sonne.
Aber irgendwie passte meine Stimmung nicht zu diesem Sommertag.
Ich kann Mama nicht böse sein.
Nicht dafür, dass sie krank war.
Aber ich verstehe viele ihrer Entscheidungen nicht.
Wenn ich diese Zeilen lese, wird mir klar,
wie am Ende ich damals war.
Ich hatte mir nichts sehnlicher gewünscht,
als aufzuwachen und alles wäre wieder normal.
Mama hat es oft als selbstverständlich genommen,
dass ich für sie kämpfe.
Aber das war es nicht.
Ich musste kämpfen lernen –
und meine Kraft hatte Grenzen.
Ich wünschte, ich hätte damals nicht nur mit dir, liebes Tagebuch,
sondern auch mit Mama offen geredet.
Stark sein.
Man kann nicht immer stark sein.
Man muss auch schwach sein dürfen.
Man muss weinen dürfen,
wenn es einem zu viel wird.
Das Wichtigste ist:
Man sollte nie allein kämpfen müssen.
Mama hat von mir verlangt,
für uns beide stark zu sein.
Aber ich war zu jung.
Es hat mich kaputtgemacht.
Heute weiß ich:
Es ist nicht schlimm, schwach zu sein.
Man muss schwach sein dürfen,
um wieder stark werden zu können.
Sucht euch Menschen,
die euch helfen, wenn ihr schwach seid.
Menschen, die euren Regenschirm halten –
wenn ihr ihn selbst nicht mehr festhalten könnt.
Und vergesst nicht, auch für sie da zu sein,
wenn sie mal jemanden brauchen.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
قصص عامةDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
