Liebes Tagebuch,
heute hatten wir Wandertag in der Schule – und es kam mir vor, als wären wir stundenlang unterwegs gewesen. Unsere Klassenlehrerin fand, es sei eine „großartige Gelegenheit", unser Allgemeinwissen zu erweitern, und hat uns in ein ziemlich langweiliges Museum geschleppt. Eineinhalb Stunden Fußmarsch, nur um staubige Sachen aus der Vergangenheit anzuschauen.
Versteh mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Wandern. Mama und ich haben das früher oft gemacht. Aber heute war es anders. Die meisten aus meiner Klasse hatten schon nach einer halben Stunde keine Lust mehr. Und warum glauben Erwachsene eigentlich immer, dass Kinder Museen toll finden? Meistens ist es stinklangweilig. Ich verstehe ja, dass Geschichte wichtig ist, aber ganz ehrlich: Wie soll ich mich für Dinge interessieren, die lange vor meiner Geburt passiert sind, wenn ich nicht mal richtig verstehe, was gerade in meinem Leben geschieht?
Auf dem Weg dorthin hat mich Frau Schröder zur Seite genommen und gesagt, dass sie stolz auf mich ist. Stolz, weil ich trotz allem so gute Leistungen bringe. Mein Notendurchschnitt hat sich verbessert, und sie findet es toll, dass ich anderen helfe – selbst dann, wenn es mir selbst nicht gut geht.
Tagebuch, sie hat recht. Ich helfe wirklich gern. Ich merke sofort, wenn jemand traurig ist, selbst wenn es keiner sieht. Vielleicht, weil ich selbst lange versucht habe, meine Traurigkeit hinter einem Lächeln zu verstecken.
Den restlichen Weg bin ich mit Karla gelaufen. Karla wird mir immer wichtiger. Ich glaube, ich kann sie inzwischen wirklich meine Freundin nennen. Sie ist drei Monate älter als ich, hat dunkle, wilde Locken und eine große Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen. Aber sie schämt sich nicht dafür – im Gegenteil. Sie kann durch die Zahnlücke unglaublich laut pfeifen. So laut wie niemand sonst.
Karla ist auch sehr musikalisch. Sie spielt seit sie vier ist Gitarre und seit sie sieben ist Querflöte. Und das Besondere an ihr: Sie ist die Einzige, der ich wirklich alles erzählt habe. Sie weiß, was mit Mama los ist, und sie versteht, warum ich mir solche Sorgen mache – vor allem seit dem letzten Telefonat, das einfach so abgebrochen wurde. Karla sagt immer: „Irgendwann wird alles wieder gut." Und wenn sie das sagt, glaube ich fast selbst daran.
Heute hat sie gefragt, ob sie nach der Schule mit zu mir kommen darf. Ich hoffe so sehr, dass Luana Ja sagt...
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
