Donnerstag, 29. November. 2012

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Liebes Tagebuch,

schon gestern Abend stand fest, dass Lyara und Leo wirklich zu uns kommen. Luana meinte, dass zwar noch einiges an Papierkram ansteht, aber es nichts gäbe, was dem Einzug im Weg stehe. Ich bin voller Vorfreude, Tagebuch. Endlich kehrt wieder mehr Leben in unser Zuhause ein.

Auch Eleni hat sich gefreut – vor allem darüber, dass sie nun nicht mehr die Jüngste ist, auf die alle Augen gerichtet sind. Trotzdem hat sie mir anvertraut, dass sie ein wenig Angst davor hat, die beiden könnten sie nicht mögen. Ich finde das unsinnig. Wer Eleni kennt, kann sie eigentlich nur mögen. Sie ist ein wunderbarer Mensch – sanft, klug und so warmherzig.

Nala hingegen war zunächst nicht sonderlich begeistert. Ich glaube, sie hatte sich an die Ruhe gewöhnt, die mich die letzten Wochen so unruhig gemacht hat. Aber ich bin sicher, dass sie sich daran gewöhnen wird. So war es immer – am Anfang skeptisch, aber dann mittendrin.

Luana hatte angekündigt, dass die beiden am Abend ankommen würden. Ich war schon den ganzen Tag aufgeregt. Ich fühle mich bereit, wieder jemanden auf seinem Weg zu begleiten – so, wie ich begleitet wurde, als ich es am dringendsten gebraucht habe. Immer wieder frage ich mich, was aus mir geworden wäre, wenn es Luana nicht gegeben hätte. Oder Liv. Sie war die Erste, die wirklich gesehen hat, wie es mir ging. Viele haben es übersehen, manche vielleicht sogar absichtlich. Aber sie nicht. Sie hat gehandelt. Mein früheres Ich war wütend auf sie, weil ich dachte, sie hätte mich verraten. Heute weiß ich, dass es das mutigste war, was sie für mich tun konnte. Dafür bin ich ihr dankbar.

Luana hat mir mal erzählt, dass sie früher viele Pflegekinder betreut haben – allerdings nur übergangsweise. Kinder, die ein paar Wochen blieben, bis man eine dauerhafte Familie für sie fand. Das änderte sich erst mit mir. Damals wusste sie, dass ich es nicht verkraftet hätte, schon wieder weitergeschickt zu werden. Deswegen hat sie entschieden, künftig auch Kindern ein Zuhause zu geben, die bleiben dürfen – langfristig, vielleicht sogar für immer.

Sie sagt oft, dass jedes Kind ein gutes Zuhause verdient, auch wenn nicht alle eines bekommen. Sie will wenigstens einem kleinen Teil dieser Kinder ein Stück Sicherheit und Wärme geben. Und weißt du was, Tagebuch? Das will ich auch mal tun. Ich glaube, ich habe einen besonderen Zugang zu Kindern, die etwas Schlimmes erlebt haben – weil ich selbst mal eines davon war.

Es ist spät, ich bin müde – aber ich wollte dir noch schreiben. Sophie hat Lyara und Leo vorhin vorbeigebracht. Und schon beim ersten Blick war klar: Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein.

Lyara ist unglaublich still. Nicht verschlossen wie Eleni es damals war – eher vorsichtig, höflich, fast scheu. In ihren Augen liegt etwas, das mir bekannt vorkommt: Schmerz, Angst und eine große Unsicherheit. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen. Sie hat sich freundlich bedankt, als ich ihr ihr Zimmer zeigte, aber dann zog sie sich zurück. Ganz leise, ganz vorsichtig. Sie erinnert mich sehr an Eleni – nicht in allem, aber in diesem stillen Rückzug.

Leo hingegen ist ganz anders. Kaum hatte ich ihn begrüßt, stellte er sofort klar, dass man ihn nur „Leo" nennen solle, nicht Leonard. Der Ton dabei war so scharf, dass ich fast zusammengezuckt bin. Sein Blick war herausfordernd, fast wütend. Ich hatte kurz das Gefühl, als würde er mich am liebsten anknurren. Und wie er mit seiner Schwester umging – das war hart mitanzusehen. Kein bisschen Rücksicht. Als Luana ihnen die Zimmer zeigte, stieß er sie zur Seite, nannte sie eine Nervensäge, weil sie „im Weg stand", und knallte dann die Tür hinter sich zu.

Ich weiß, wie das läuft, Tagebuch. Diese Art von Kälte ist meistens ein Schutzschild. Ich sehe einen Jungen, der vorgibt, stark und unnahbar zu sein – und in Wahrheit nur versucht, sich zu schützen. Unter all dem Trotz liegt Angst, Verzweiflung, vielleicht auch Schuld. Es wird dauern, bis man an ihn herankommt. Und es wird Nerven kosten. Aber ich bin bereit.

Ich werde dir berichten, wie es weitergeht.
Bis bald, Tagebuch.
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Heute, aus erwachsener Sicht, verstehe ich vieles von dem, was ich damals nur gefühlt habe. Die Aufregung, die Vorfreude, aber auch die stille Verantwortung, die ich mir selbst auferlegt habe, als Leo und Lyara bei uns einzogen – all das war nicht selbstverständlich für ein zwölfjähriges Mädchen. Und doch fühlte es sich für mich selbstverständlich an.

Damals wusste ich noch nicht, dass es überhaupt unterschiedliche Arten von Pflege gab. Dass es so etwas wie Kurzzeitpflege gibt, wo Kinder nur übergangsweise aufgenommen werden, bis etwas anderes gefunden ist – eine Dauerpflegefamilie, ein Platz in einer Einrichtung oder, manchmal, die Rückkehr zur Herkunftsfamilie. Für mich war Luana einfach meine Familie, mein sicherer Ort. Aber heute weiß ich: Es braucht Menschen wie Luana und Toni, die bereit sind, nicht nur für lange Zeiträume zu helfen, sondern auch für den Moment – in dem Chaos, nach einer Inobhutnahme, wenn noch gar nichts klar ist. Dieser Moment ist entscheidend. Er ist ein Übergang. Und Kinder brauchen gerade in diesen ersten Tagen jemanden, der sie auffängt, bevor sie wieder weitergeschickt werden.

Ich kann nur ahnen, was Leo und Lyara durchgemacht haben, bevor sie bei uns ankamen. Das Gefühl, verlassen worden zu sein – von der Mutter, vom Vater, von allen, die eigentlich da sein sollten. Dann die fremden Menschen beim Jugendamt, das behelfsmäßige Bett im Büro, die Fragen, die sie nicht beantworten können oder wollen. Und dann ein Haus, eine Familie, ein Abendessen, das irgendwie normal ist. Aber nichts fühlt sich normal an. Für mich war das irgendwann Alltag – für sie war es der Anfang von etwas Neuem. Vielleicht auch der Anfang von ein bisschen Hoffnung.

Ich weiß noch, wie ich dachte, ich müsse ihnen helfen, sie heilen, sie verstehen. Heute weiß ich: In der Kurzzeitpflege ist es nicht immer das Ziel, „alles gut zu machen". Manchmal ist es einfach das Ziel, präsent zu sein. Wärme zu geben, wo vorher Kälte war. Ruhe zu geben, wo vorher Lärm war. Nicht alle Kinder bleiben – aber jeder Moment, in dem sie sich sicher fühlen dürfen, zählt.

Luana hat uns nie das Gefühl gegeben, dass wir „vorübergehend" sind. Selbst als sie nur Kurzzeitpflege gemacht hat, hat sie Kinder wie Menschen behandelt – nicht wie Durchreisende. Ich glaube, das hat einen Unterschied gemacht. Und das will ich auch. Wenn ich irgendwann selbst ein Pflegekind aufnehme – sei es für zwei Jahre oder für zwei Wochen – dann will ich es so tun wie sie. Mit Klarheit, aber auch mit Herz.


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