Liebes Tagebuch,
es ist Neujahr, und die Nacht war erfüllt von einem atemberaubenden Feuerwerk. Die Raketen zischten und knallten durch den Himmel, als wollten sie die dunklen Wolken vertreiben. Ursprünglich sollten sie ja böse Geister verscheuchen, aber heute tun es die Menschen wohl einfach aus Tradition. Der Himmel war eine funkelnde, glitzernde Decke aus Licht und Staub, die sich über alles gelegt hat.
Vielleicht ist das der Grund, warum Mama eine Gewitterwolke hat. Vielleicht schießen wir all die Traurigkeit in die Luft, und manchmal landet sie auf jemandem, der zu schwach ist, sie abzuwehren.
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Man könnte meinen, ich hätte in meinen Tagebüchern nur über das Unglück geschrieben. Aber das stimmt nicht ganz. Bei Luanas Familie gab es viele schöne Momente – kleine, zerbrechliche Augenblicke, in denen ich mich sicher gefühlt habe. Sie gaben mir Halt, als ich ihn am meisten gebraucht habe. Zwischen all dem Kummer war das eine Zeit des Trostes.
Ich war damals ein Kind mit zu vielen Gedanken im Kopf. Ich habe überall nach einem Grund gesucht, warum alles so gekommen ist. Warum Mama krank wurde. Warum ich gehen musste. Warum niemand geholfen hat. Aber vielleicht war das nur meine Art, mit meinen Gefühlen umzugehen. Es war leichter, nach Antworten zu suchen, als einfach traurig zu sein.
Ich fühlte mich oft zwischen zwei Welten. Wenn mich jemand in der Schule nach meiner Familie fragte, wusste ich nie, ob ich von Mama erzählen sollte – oder von Luana und ihrer Familie. Es war verwirrend. Bin ich noch Marlene König? Oder schon Marlene Wolf?
Ich mochte Luana. Ich mochte sie sehr. Aber jedes Mal, wenn ich ihr ein Lächeln schenkte, hatte ich das Gefühl, Mama zu verraten.
Liv war da eine große Hilfe. Auch wenn ich sie nicht oft erwähne, waren unsere Gespräche für mich Gold wert. Sie sagte immer: „Du darfst beides sein. König und Wolf. Du bist unser Königswolf." Und das half mir wirklich, mich selbst besser zu verstehen.
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Heute Morgen, nach einer kurzen Nacht, bin ich mit Nala aufgestanden und wir haben zusammen den Müll aufgeräumt, den das Feuerwerk hinterlassen hatte. Wir waren schon früh im Bett – gleich nach Mitternacht. Weil ich wegen des Lärms in der Küche nicht schlafen konnte, habe ich bei Nala im Zimmer geschlafen. Es war schön, ihre Nähe zu spüren, gerade in so einer besonderen Nacht.
Später sind wir spazieren gegangen. Nala zeigte mir ein paar Ecken, die ich noch nicht kannte. Irgendwann blieb sie stehen und sagte: „Ich habe dich lieb, Marlene. Ich bin froh, dass du jetzt bei uns bist. Jetzt bin ich nicht mehr die Kleinste. Und Mama kann endlich mit ihrer ganzen Liebe jemand anderen betüddeln"
Tagebuch, das hat mir richtig gutgetan. Ich weiß jetzt: Ich habe hier einen Platz. Ich werde geliebt. Und ich darf das auch zulassen, ohne Mama dabei zu verlieren.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
