Liebes Tagebuch,
Die Sommerferien sind vorbei, und heute war unser erster Schultag. Die Ferien waren schön – wirklich schön. Ich habe viel Zeit mit Karla verbracht und durfte sogar ein Wochenende mit ihr und ihren Eltern in den Urlaub fahren. Wir waren in den Bergen, und es war, als hätte jemand eine Pause-Taste für meine Gedanken gedrückt. Die Luft war frisch, der Himmel weit, und alles wirkte leichter.
Auch zu Hause war es schön. Ich habe viel mit Eleni und den anderen unternommen, aber irgendwie... fühlt sich das Haus langsam leerer an. Es ist, als ob sich etwas verändert hat – nicht laut, sondern leise. Wie ein Raum, aus dem nach und nach die Stimmen verschwinden.
Liv sehe ich kaum noch. Wenn ich zu ihr will, sitzt sie über ihren Uniunterlagen. Und wenn sie mal frei hat, nutzt sie die Zeit für Jonah. Ich weiß, das ist unfair, aber manchmal nervt mich Jonah. Früher war Liv immer da – jetzt ist sie nur noch selten erreichbar. Ich vermisse sie.
Und dann ist da Linus. Er hat sich entschieden, kein Abitur zu machen, sondern gleich zur Polizei zu gehen – wie Toni. Er hat eine Aufnahmeprüfung bestanden und ist in eine WG gezogen, die ziemlich weit weg ist. Ich kann ihn nicht mehr einfach besuchen, nicht mehr spontan mit dem Fahrrad vorbeifahren. Jetzt muss man ihn mit dem Auto erreichen. Linus ist weg. Einfach so.
Auch Nala ist inzwischen 15 und schon in der 9. Klasse. Verrückt, wie die Zeit vergeht. Als ich zu Luana kam, war ich neun und sie zwölf. Jetzt ist sie fast erwachsen. Sie ist noch immer Schülersprecherin und super engagiert, aber auch sie hat kaum noch Zeit. Immer öfter muss ich allein zum Training gehen, weil sie sich lieber mit Freunden trifft. Wenigstens bleibt sie die nächsten Jahre hier. Sie will Abitur machen und Schauspiel studieren. Manchmal sieht man sie in Werbespots oder ganz kurz in Filmen – meist läuft sie nur irgendwo vorbei, aber sie ist stolz. Und das darf sie auch sein.
Eleni ist inzwischen acht und seit heute in der dritten Klasse. Ich glaube, sie hat endlich alles hinter sich gelassen. Sie spricht zwar nie über ihre Eltern, aber das muss sie auch nicht mehr. Sophie hat gesagt, dass es nun offiziell ist: Eleni wird nicht mehr zu ihnen zurückgehen. Sie gehört jetzt wirklich zu uns – so fühlt es sich auch an.
Der erste Schultag verlief eigentlich ganz normal – zumindest bis zur zweiten Stunde. Wir hatten Klassenleiterstunde, dann direkt Unterricht bei unserem neuen Lehrer. Ich hatte nichts Besonderes erwartet. Ich war gerade dabei, meinen Stuhl zurechtzurücken, als ich ihn sah – und mir fiel fast die Kinnlade herunter: Unser neuer Lehrer war niemand Geringeres als Henry. Henry Ritter.
Ich wusste in dem Moment nicht, ob ich lachen, weinen oder einfach verschwinden sollte. Die ganzen Sommerferien über hatte ich Mama ignoriert. Ich war nicht bei ihr, habe keine Nachrichten beantwortet, bin jedem Gespräch aus dem Weg gegangen. Sie hat Luana angerufen, um sich zu vergewissern, dass es mir gut geht – und ich wusste es. Ich wusste, dass sie sich Sorgen macht. Und das ist es ja, was mich so verwirrt. Ich habe mir früher immer gewünscht, dass Mama sich mehr sorgt, dass sie da ist, dass sie mich vermisst. Jetzt tut sie es, und ich kann es nicht annehmen. Ich will nicht mit ihr reden. Ich will einfach nur Abstand.
Und jetzt steht Henry vor mir. Jeden Tag. In der Schule. Als wäre nichts gewesen.
Er wirkte kein bisschen überrascht, mich zu sehen. Im Gegensatz zu mir. Warum sollte er auch überrascht sein? Mama hat ihm sicher erzählt, dass ich auf diese Schule gehe. Wahrscheinlich wusste er längst, dass ich in seiner Klasse bin.
Er begann den Unterricht mit einer Vorstellungsrunde. Ich hatte das Gefühl, das diente nur einem Zweck: um mich besser kennenzulernen. Um herauszufinden, wie ich ticke. Er wirkt nicht bedrohlich – im Gegenteil. Aber dieses komische Gefühl im Bauch, das ist wieder da. Genau wie damals bei Linus und Toni, als ich sie noch nicht kannte. Es ist nicht unbedingt Angst – eher ein vorsichtiges Misstrauen, das ich nicht abschütteln kann.
Nach der Stunde wollte er mit mir sprechen. Ich habe abgeblockt. Ich will das nicht. Zumindest noch nicht. Vielleicht irgendwann. Vielleicht. Aber nicht jetzt. Nicht, solange ich selbst noch nicht weiß, wie ich mit all dem umgehen soll.
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Wenn ich auf diesen Eintrag zurückblicke, erkenne ich die vielen widersprüchlichen Gefühle, die mich damals zerrissen haben: Sehnsucht, Angst, Enttäuschung, Misstrauen. Ich war elf, und doch trug ich schon einen ganzen Rucksack an Erfahrungen mit mir herum – Erfahrungen, die mich vorsichtig gemacht hatten, wachsam, misstrauisch gegenüber allem, was sich neu und unkontrollierbar anfühlte.
Aus heutiger Sicht kann ich besser verstehen, warum Henry mich so überfordert hat. Er war nicht einfach ein neuer Lehrer – er war Mamas Freund. Und damit war er Teil einer Geschichte, in der ich keine Kontrolle hatte, in der ich zu oft zu früh zu viel Verantwortung übernehmen musste. Das Komische war: Er hat mir nie etwas getan, nie laut gesprochen, nie auch nur ansatzweise bedrohlich gewirkt. Und doch fühlte ich mich bedroht – nicht von ihm als Mensch, sondern von dem, was seine Anwesenheit für mich bedeutete.
Psychologisch gesehen war das Misstrauen, das ich empfand, kein Zeichen von Unhöflichkeit oder Trotz, sondern ein Schutzmechanismus. In der Bindungstheorie spricht man davon, dass Kinder, die unsichere oder ambivalente Bindungserfahrungen gemacht haben, später besonders sensibel auf Nähe und Distanz reagieren. Ich hatte gelernt, dass Nähe verletzen kann. Dass Erwachsene manchmal sagen, sie meinen es gut – und es dann trotzdem nicht ist.
Mein Rückzug von Mama war mein Versuch, mich selbst zu schützen. Nicht, weil ich sie nicht liebte, sondern weil ich ihr nicht mehr vollständig vertrauen konnte. Vertrauen ist wie ein zartes Pflänzchen – es wächst langsam, aber es kann mit einem Schlag zerstört werden. Und auch wenn ich wusste, dass Mama krank gewesen war, konnte mein kindliches Ich nicht sauber trennen zwischen der Krankheit und ihr als Person. Wenn man als Kind erlebt, dass man wieder und wieder enttäuscht wird, entsteht irgendwann der Wunsch, sich selbst zu retten – notfalls durch Rückzug.
Dass ich Henry in der Schule begegnete, an dem einen Ort, der mir Stabilität gab, war für mich wie ein Übergriff. Es war, als ob mein sicherer Raum plötzlich ein Stück unsicherer geworden war. Auch das ist etwas, was viele Pflegekinder oder Kinder mit traumatischen Erfahrungen berichten: dass Sicherheit nicht selbstverständlich ist, sondern verteidigt werden muss.
Heute weiß ich: Kinder brauchen emotionale Selbstbestimmung. Sie müssen lernen dürfen, dass ihre Grenzen geachtet werden, dass ihr „Nein" zählt – auch dann, wenn Erwachsene es nicht verstehen. Wenn wir ihnen das nicht beibringen, verlieren sie das Vertrauen in sich selbst. Damals konnte ich nicht sagen, was in mir vorging. Heute kann ich es in Worte fassen. Und das ist der erste Schritt, um das Erlebte in etwas Heilsames zu verwandeln.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Ficción GeneralDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
