Sonntag, 01. Mai. 2011

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Liebes Tagebuch,

ich liege im Krankenhaus  und mir ist langweilig. Wahrscheinlich wunderst du dich, warum ich hier bin. Ich erzähle es dir.

Seit ein paar Tagen geht Eleni mit mir zur Schule. Sie fühlt sich dort nicht wohl, das sieht man ihr an. Aber Luana hat gesagt, dass sie es nicht länger aufschieben konnten. Auf dem Heimweg sind wir wie immer zusammen gelaufen. Eleni hat geschwiegen, aber nicht mehr so still wie früher. Es ist eher so, als würde sie etwas sagen wollen, aber die Worte bleiben noch in ihr drin – wie festgeklemmt.

Und dann ist es passiert.

Jemand rief Elenis Namen, und wir haben uns umgedreht.
Da stand ein Mann.

Ich habe sofort gemerkt, wie Eleni sich veränderte. Ihr Körper wurde ganz klein, als ob sie sich verstecken wollte. Ihre Schultern zuckten zusammen, und ihr Gesicht wurde starr. Ich habe mich auch unwohl gefühlt. Sein Blick war hart. Unheimlich. Kalt. Ich mag fremde Männer sowieso nicht – nicht so sehr wie Eleni, aber ich werde dann ganz vorsichtig.

Der Mann kam näher. Und dann flüsterte Eleni ganz leise meinen Namen. Sie sagte, ich soll weglaufen. Es war das erste Mal, dass ich ihre Stimme gehört habe. Sie klang so zerbrechlich. So voller Angst.
Aber ich bin geblieben.
Ich konnte sie nicht allein lassen.

Plötzlich schrie der Mann los. Er hob die Hand und schlug zu. Eleni duckte sich, flehte, dass er aufhören soll – aber sie schrie nicht. Kein Laut. Nur dieses stumme Bitten in ihren Augen.

Ich wusste:
Ich muss etwas tun.

Ich trat ihm von hinten in die Kniekehle. Er taumelte, drehte sich um und dann stieß er mich mit voller Wucht gegen eine Hauswand. Mein Kopf knallte dagegen. Alles drehte sich. Er packte mich am Hals, und ich bekam kaum noch Luft.

Eleni schrie, er solle mich in Ruhe lassen. Dass ich nichts damit zu tun hätte. Ihre Stimme überschlug sich.
Aber er ließ mich erst los, als ich fast ohnmächtig war.

Ich rutschte auf den Boden.
Mein Kopf pochte, und als ich die Hand an den Hinterkopf legte, war sie voller Blut.

Der Mann wandte sich wieder Eleni zu. Er drückte sie gegen einen Zaun, trat nach ihr, beschimpfte sie. Sagte, sie sei nichts wert. Eine Schande. Und dann sprach er über ihre Schwester – Holly.
Dass Eleni schuld an ihrem Tod sei.
Dass sie ihr besser hätte folgen sollen.

Jedes Wort war wie ein Schlag. Ich wollte etwas tun – aber ich konnte nicht. Mein Körper fühlte sich schwer an, mein Kopf dröhnte.

Und trotzdem:
Irgendetwas in mir klickte.
Ich konnte das nicht mit ansehen. Nicht schon wieder. Nicht, wenn jemand so verletzt wird, wie ich es mal wurde.
Ich stand auf.
Und ich griff ihn an.

Seit ich bei Luana bin, mache ich Kickboxen. Zum ersten Mal war ich wirklich froh darüber. Ich wusste plötzlich, was ich tun musste. Ich war wütend. Wütend auf ihn, auf das, was er Eleni antat, auf alles.
Ich kämpfte.
Nicht nur für sie. Auch für mich. Für das Mädchen, das früher niemand beschützt hat.

Dann kam endlich die Polizei. Und der Krankenwagen.
Sie brachten uns beide ins Krankenhaus. Eleni war ganz still – wie aus Glas. Sie ließ alles mit sich machen. Auch die Untersuchung bei der Ärztin.

Ich habe eine Platzwunde am Kopf. Sie mussten nähen. Jetzt liege ich hier – mit Gehirnerschütterung und zu viel Zeit zum Nachdenken.

Ich schreibe dir morgen wieder, liebes Tagebuch.
Heute ist alles einfach zu viel.
Ich muss erst einmal begreifen, was da passiert ist.

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Auch jetzt, wenn ich diese Zeilen wieder lese, erinnere ich mich an jeden einzelnen Moment. Die Bilder, die Geräusche, das Adrenalin – alles ist noch da, als wäre es gestern gewesen. Ich war überfordert, überrollt von all den Eindrücken, aber eines weiß ich bis heute mit Sicherheit: Ich war stolz auf mich. So stolz wie nie zuvor.

Ich hatte Eleni beschützt. Und ja, ich musste selbst einstecken, aber ich habe sie nicht im Stich gelassen. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich der Mensch, den ich mir früher immer an meiner Seite gewünscht hatte – jemand, der bleibt, wenn es schwierig wird.

Früher habe ich mir so sehr gewünscht, dass Mama diese Rolle übernimmt. Dass sie dazwischengeht, wenn Felix wütend war. Dass sie mich in den Arm nimmt, wenn ich Angst hatte. Ich habe mir einen Helden herbeigesehnt – jemand, der durchs Fenster kommt wie in einem Film und alles gut macht. Doch dieser Held kam nie.

Und an diesem Tag war ich selbst dieser Held. Für Eleni. Ich habe gespürt, was es bedeutet, stark zu sein – nicht im klassischen Sinne, sondern auf eine Art, die etwas in dir verändert. Die dich wachsen lässt, auch wenn du selbst noch klein bist.

Vielleicht ist das der Kern von Freundschaft – füreinander da zu sein, wenn es drauf ankommt. Nicht dann, wenn alles einfach ist, sondern in den Momenten, in denen es am schwersten ist.

Es gibt Menschen, die bei dir sind, solange du funktionierst. Aber die, die bleiben, wenn du fällst – das sind die, auf die es ankommt. Für Eleni wollte ich so jemand sein. Und ich glaube, in diesem Moment war ich das auch.


Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt