Liebes Tagebuch,
Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen. Das ist mein neuer Leitspruch. Mein Vorsatz für dieses neue Lebensjahr. Keine Rückschläge mehr. Ab jetzt soll alles anders werden. Ab jetzt bin ich dran – nicht immer nur die anderen.
Denn heute ist mein Geburtstag. Mein elfter. Irgendwie verrückt, wie schnell die Zeit vergeht. Es fühlt sich manchmal an, als würde sie einfach still an einem vorbeiziehen, ohne dass man es merkt. Und dann ist plötzlich wieder ein Jahr rum. Manchmal bin ich froh darüber, dass manche Tage nicht wiederkommen. Und trotzdem: Zeit ist etwas Kostbares. Man vergisst das so leicht. Jede Minute, in der ich dir schreibe, kommt nie zurück – aber vielleicht hilft sie mir. Und vielleicht hilft sie irgendwann auch anderen. Ich wünsche mir, dass meine Tagebücher später einmal Kinder ermutigen. Dass sie zeigen, dass es immer irgendwo Hoffnung gibt. Oder dass sie Mut machen, selbst zu schreiben. Denn das hilft. Mehr, als viele glauben.
Heute früh ist Eleni wie ein Wirbelsturm in mein Zimmer gestürmt. Ich dachte schon, irgendetwas Schlimmes sei passiert. Ich war sofort wach und bin ihr hinterhergerannt. Aber dann stand da in der Küche ein Kuchen mit elf brennenden Kerzen. Und aus dem Wohnzimmer kam dieses schiefe Happy Birthday, das ich schon vom letzten Jahr kannte. Nur Nalas Stimme war wie immer richtig deutlich – fast ein bisschen zu perfekt. Eleni war die Erste, die mich umarmte.
Ich habe sie ein bisschen streng angeschaut, weil sie mich so erschreckt hatte. Aber sie grinste nur frech und meinte, ich solle lieber pusten, bevor das Wachs den Kuchen ruiniert.
Ich pustete also die Kerzen aus, Tagebuch – elf Stück an der Zahl. Der 26. September ist ein Tag, an dem es viele kuriose Feiertage gibt. Zugegeben, die gibt es an jedem Tag, aber einige sind wirklich skurril. Zum Beispiel wird in den USA an diesem Tag der Tag der Geisterjagd gefeiert. Wer denkt sich so etwas aus, Tagebuch? Ich weiß es nicht, aber offensichtlich jemand, der zu viel Langeweile hat.
Außerdem ist heute der Tag des Pfannkuchens. Ist das nicht witzig, Tagebuch? Pfannkuchen esse ich am liebsten. Vielleicht, weil ich am 26. September geboren bin? Wer weiß das schon. Tatsächlich gibt es seitenweise solche Feiertage, die selten Sinn ergeben.
Eleni hat zum Beispiel am 17. Juli Geburtstag, an dem der Tag des Gelben Schweins gefeiert wird. Ich frage mich, wo der Sinn dieser Feiertage ist. Oder meine Mama, die nur zwei Tage später Geburtstag hat, feiert ihren Geburtstag am Steck-die-Zunge-raus-Tag.
Luana meinte, dass es die Geschenke erst am Nachmittag geben würde und wir uns jetzt für die Schule fertig machen sollen. Ich frage mich wirklich, wer beschlossen hat, dass man an seinem Geburtstag in die Schule muss. Und wo man sich beschweren kann.
Als ob das nicht genug gewesen wäre, gab es auch noch eine Mathearbeit. Ausgerechnet heute. Ich mag Mathe eigentlich, aber trotzdem. Eine Arbeit am Geburtstag? Das fühlt sich einfach falsch an.
Nach der Schule waren Liv und Jonah schon da. Liv schenkte mir ein neues Tagebuch, diesmal mit Schloss. Endlich kann nicht mehr jeder einfach reinschauen. Von Luana und den anderen bekam ich mein erstes eigenes Handy – ein echtes Aufklapphandy mit Tasten. Luana erklärte mir, dass fünf Euro Guthaben drauf sind und jede Nachricht oder Minute neun Cent kostet. Ich soll es vor allem benutzen, um Bescheid zu geben, wenn ich irgendwo länger bleibe.
Eleni schenkte mir einen kleinen Engel aus Papier und Draht. Er soll auf mich aufpassen, sagte sie. Ich hätte fast geweint. Es war so ein leiser, schöner Moment.
Dann klingelte es an der Tür. Ich wunderte mich, wer das wohl noch sein könnte. Alle waren doch schon da. Luana sagte, ich solle doch bitte selbst aufmachen.
Ich öffnete die Tür.
Und dann stand sie da.
Mama.
Ich war wie festgefroren. Aber dann bin ich einfach auf sie zugelaufen und habe sie ganz fest umarmt.
Später erzählte mir Luana, dass sie Mama eingeladen hatte. Damit wir uns endlich wiedersehen können. Ich hätte das nie erwartet. Und es war die schönste Überraschung überhaupt.
Tagebuch, dieser Tag war wirklich besonders. So einer, den man nicht so schnell vergisst.
Vielleicht war es der Tag, an dem ich die Segel ein kleines Stück anders gesetzt habe.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Fiction GénéraleDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
