Freitag, 13. August. 2010

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Liebes Tagebuch,

so wie es aussieht, habe ich mich getäuscht. Ich lebe im Hier und Jetzt – aber Mama nicht. Seit ein paar Tagen hängt das alte Foto von ihr und Papa in ihrem Schlafzimmer. Sie schaut es sich ständig an. Heute Morgen kam sie nicht aus dem Bett, und ich musste zur Schule, bevor sie überhaupt aufgestanden war. Sie meinte, sie müsse sich nur wieder an das frühe Aufstehen gewöhnen – wegen der Sommerferien. Ich hoffe, sie hat recht. Aber tief in mir wächst die Angst: Beim letzten Mal fing es genauso an...

Heute ist Freitag, der 13. Viele Menschen halten diesen Tag für einen Unglückstag. Manche trauen sich dann kaum aus dem Haus. Ich habe heute in der Schule darüber geredet, weil unsere Lehrerin gefragt hat, was wir über diesen Tag wissen.

Es ist schon komisch: Diese Angst geht auf ein Buch zurück, das 1907 erschien – Freitag, der 13. –, in dem alles schiefgeht. Später kam ein Film dazu, der das Ganze noch verstärkte. Seitdem glauben viele, dass dieser Tag Unheil bringt. Dabei passieren an solchen Tagen statistisch sogar weniger Unfälle, weil die Leute vorsichtiger sind. Irgendwie verrückt, oder?

Noch verrückter ist das Wort für die Angst vor Freitag, dem 13.: Paraskavedekatriaphobie. So ein langes Wort – klingt selbst schon wie ein Zauberspruch gegen das Glück.

Weißt du, Tagebuch, es gibt echt verrückte Sachen, an die manche Leute glauben. Zum Beispiel, dass eine schwarze Katze Pech bringt – aber nur, wenn sie von links kommt. Wenn sie von rechts kommt, bringt sie angeblich Glück. Als ob die Richtung bei einer Katze irgendwas ändert! Aber in vielen Ländern glauben die Leute, dass rechts für „gut" steht und links für „schlecht". Komisch, oder?

Dann ist da noch der zerbrochene Spiegel. Der soll sieben Jahre Pech bringen. Sieben Jahre! Nur weil ein Spiegel kaputtgeht. Manche sagen, das liegt daran, dass ein Spiegel die Seele zeigt – und wenn der zerbricht, braucht die Seele sieben Jahre, um sich zu erholen. Und gleichzeitig soll zerspringendes Glas Glück bringen – weil es laut ist und böse Geister erschreckt. Wie an Silvester mit den Böllern. Also was denn jetzt? Pech oder Glück?

Auch Leitern sind so ein Ding. Man soll nicht drunter durchgehen, weil das Unglück bringt. Ich finde eher, man sollte nicht drunter durchgehen, weil's gefährlich ist. Und dann noch das mit dem Stolpern: Wenn man an einem Freitag, dem 13., stolpert, soll man den Weg noch mal zurückgehen und genau die gleiche Stelle nochmal überschreiten – sonst bringt's Pech. Ehrlich, Tagebuch: Wenn ich jedes Mal zurückgehen müsste, wenn ich stolpere, käme ich nie irgendwo an.

Damit das Pech gar nicht erst kommt, haben viele Leute Glücksbringer. Zum Beispiel Hufeisen. Aber nur, wenn sie wie ein „U" aufgehängt werden – sonst fällt das Glück raus. Oder Marienkäfer – die sollen auch Glück bringen, vor allem, wenn man sie mit der linken Hand fängt und in die Hosentasche steckt. Und Schornsteinfeger bringen angeblich auch Glück, besonders, wenn man die Asche in ihrem Gesicht berührt. Früher haben sie ja wirklich Häuser vor Bränden bewahrt – vielleicht kommt der Aberglaube daher.

Ich finde das alles irgendwie spannend – und auch ein bisschen komisch. Vielleicht glauben Menschen so sehr an sowas, weil sie sich sicherer fühlen wollen. Vielleicht ist es leichter, zu sagen: „Es war der schwarze Kater" – als sich einzugestehen, dass manchmal Dinge einfach ohne Grund passieren.

Aber weißt du, Tagebuch, was mir wirklich Angst macht?

Dass Mama wieder zurückrutscht.
Zurück in ihre Gedanken von früher. Zurück zu dem Gefühl, dass alles verloren ist. Dieses Bild von ihr und Papa – es ist wie ein Magnet, der sie genau dahin zieht, wo der Schmerz wohnt. Ich sehe es in ihrem Gesicht. Sie ist stiller geworden. Abwesender. Nicht mehr so fröhlich wie vor ein paar Wochen.

Ich hab Angst. Nicht vor Freitag, der 13. Nicht vor schwarzer Magie oder Pech. Sondern davor, dass die Wolken wiederkommen.
Ganz langsam.
Und irgendwann wieder alles regnet.

Vielleicht ist das Bild wie ein zerbrochener Spiegel. Ein Splitter aus der Vergangenheit, in dem sie sich selbst verliert.

Wenn ich diesen Eintrag heute lese, spüre ich die Unruhe, die mich damals nicht losließ. Die Sorge, dass sich das dunkle Kapitel wiederholen könnte. Ich hatte so sehr gehofft, dass der gemeinsame Neuanfang stabil bleibt – dass wir den Regen hinter uns lassen können. Dass Mama wieder lacht, wieder lebt. Doch ich wusste auch, dass jeder noch so kleine Schatten eine neue Gewitterwolke bringen konnte. Meine kindliche Faszination für Aberglauben war ein Ventil: Ich konnte dort meine Angst verstecken – zwischen Marienkäfern, zerbrochenen Spiegeln und Glückshufeisen. Heute weiß ich, dass es keine magischen Zeichen gibt. Aber ich weiß auch: Damals suchte ich verzweifelt nach einem, das mir Hoffnung machen konnte.


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