Dienstag,15. September.2009

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Liebes Tagebuch,

warum ist das Leben so unfair?
Warum geht alles schief, gerade dann, wenn man glaubt, dass es besser wird?

Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.
Ich fühle nichts mehr.
Ich bin nicht mehr richtig da.

Ich funktioniere nur noch.

Ich bin nicht mehr Marlene.
Ich spiele Marlene.
Ich steuere diesen Körper, aber in Wahrheit habe ich die Kontrolle längst verloren.

Jeder Tag ist gleich geworden.

Aufstehen.
Anziehen.
Frühstück machen.
Zur Schule gehen.
Nach Hause kommen.
Essen machen.
Mama etwas hinstellen.
Selbst essen.
Den Tag irgendwie überstehen.
Schlafen.
Wieder aufstehen.

Wieder. Und wieder. Und wieder.

Alles fühlt sich an wie eine kaputte CD,
die immer dasselbe Lied spielt.

Immer dieselbe Geschichte.
Immer derselbe Ablauf.
Immer dieselbe Stille.
Und derselbe Schmerz.

Ich muss nicht mal mehr nachdenken.
Es passiert einfach.
Ich bin einfach.
Nicht mehr ich.

Tagebuch, ich dachte wirklich,
dass es mir ein kleines bisschen besser ging.
Nur ein bisschen.
Seit Natalie da ist.

Seit jemand in meiner Nähe war, der einfach geblieben ist.
Der nicht gefragt hat.
Der mich gesehen hat.

Und jetzt...
hat Felix das auch bemerkt.

Er hat herausgefunden,
dass ich eine neue Freundin habe.
Und jetzt versucht er alles, um mich von ihr zu trennen.

Er hat es tatsächlich geschafft, dass ich in sechs Tagen, am nächsten Montag, auf eine andere Schule wechseln muss.

Einfach so.
Ohne Grund.
Ohne Vorwarnung.

Nur aus Angst, dass ich mich jemandem anvertrauen könnte.

Dass ich vielleicht endlich jemandem erzähle, was zu Hause wirklich passiert.

Und als wäre das nicht genug, hat er mich für den Rest der Woche von der Schule abgemeldet.

Er hat gesagt, ich brauche „Vorbereitung" für die neue Schule.

Aber eigentlich will er nur, dass ich niemanden mehr sehe.
Niemandem mehr begegne, der mir glauben oder helfen oder zuhören könnte.

Er hat mich eingesperrt.

Nicht mit Schlössern, aber mit Angst.

Ich bin hier, im Haus.
In meinem Zimmer.
Und ich darf nicht raus.

Tagebuch, ich wünschte, ich hätte jemandem etwas erzählt.

Ich wünschte, ich hätte nicht geschwiegen.
Nicht alles in mir eingeschlossen.
Nicht geschwiegen, weil ich es versprochen hatte.

Ich bereue es.
Ich bereue es so sehr, Mama versprochen zu haben, niemandem etwas zu sagen.

Ich dachte, es würde sie schützen.

Aber ich glaube, es hat uns kaputt gemacht.


Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt