Liebes Tagebuch,
Gerade geht alles den Bach runter. Heute Nachmittag gegen zwei Uhr hat es geklingelt. Es war Sophie. Sie kam unangekündigt vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Aber wenn sie wirklich wüsste, wie es hier aussieht, würde sie sich Sorgen machen. Große Sorgen.
Ich habe versucht, Mama zu wecken, aber die Tabletten haben sie vollkommen ausgenockt. In den letzten Tagen ist alles schwer. Alles ist ein Kampf. Ich schlafe schlecht, kann mich in der Schule nicht konzentrieren und bin mit meinen Kräften am Ende. Ich weiß nicht, wie ich es das letzte Mal zwei Jahre lang durchgehalten habe.
Manchmal hasse ich Mama dafür, dass sie sich so verhält. Sie sagt, sie braucht die Tabletten, damit es ihr besser geht – aber was ist mit mir, Tagebuch? Sie denkt nicht daran, wie es mir geht. Ich fühle mich von ihr im Stich gelassen. Und das macht mich wütend. Wütend, weil sie mir sagt, dass ich sie verrate, wenn ich Hilfe hole. Wütend, weil sie mir droht, enttäuscht von mir zu sein. Wieso tut sie mir das an?
Früher oder später wird es sowieso herauskommen. Spätestens, wenn ich der Last nicht mehr standhalten kann. Und ich kann jetzt schon kaum noch.
Sophie stand lange vor der Tür. Ich konnte sie durch den Türspion sehen. Sie meinte, sie sei zufällig in der Nähe und wolle kurz vorbeischauen. Ich habe gelogen. Habe gesagt, Mama sei einkaufen. Sophie hat das nicht ganz geglaubt und gefragt, warum Mama mich alleine lässt – was ja eigentlich nicht erlaubt ist. Ich sagte, ich sei gerade erst von der Schule gekommen. Schon wieder eine Lüge. Ich bin seit Stunden zu Hause, Mama hat heute noch kein Wort mit mir gesprochen.
Sophie sagte, sie würde die Tage nochmal vorbeischauen. Sie fragte noch, was wir heute machen, und ich sagte: „In den Zoo gehen, Muckine besuchen." Noch eine Lüge.
Tagebuch, ich weiß nicht, warum ich das alles mache. Warum ich mir das Leben so schwer mache. Ich will nur nicht, dass sie mich wieder wegbringen. Ich halte das nicht nochmal aus. Ich kann es nicht. Ich will Mama nicht verlieren. Nicht noch einmal.
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Ich kann kaum atmen, während ich die Worte auf der Seite vor mir betrachte. Es ist, als ob ich einen direkten Zugang zu der verzweifelten, ängstlichen Stimme meines jüngeren Ichs habe. Ich fühle mich zurückversetzt in diese Zeit, in der alles so überwältigend und chaotisch war. Die Emotionen, die ich damals gespürt habe, sind immer noch so frisch, als ob sie nie vergangen wären.
Die Unschuld und die Verzweiflung, die aus diesen Zeilen sprechen, erschüttern mich zutiefst. Wie verzweifelt ich war, wie sehr ich versuchte, die Fassade aufrechtzuerhalten, obwohl mein Herz vor Angst und Sorge zersprang. Ich erinnere mich an die Nächte, in denen ich auf dem Bett saß und nicht wusste, wie ich die nächste Stunde überstehen sollte. An das ständige Gefühl der Unzulänglichkeit, dass ich nicht genug tue, obwohl ich mein Bestes versuchte.
Es ist schmerzhaft zu sehen, wie ich in meinem jungen Ich versucht habe, die Wahrheit zu verbergen, aus Angst vor dem, was passieren könnte, wenn jemand herausfände, wie schlecht es wirklich war. Die Lügen, die ich damals erzählt habe, um Mama zu schützen, sind wie scharfe Klingen, die mir jetzt in die Seele schneiden.
Aber während ich diesen Eintrag lese, kommt auch eine Welle der Selbstmitgefühl und des Verständnisses über mich. Ich kann jetzt die Stärke erkennen, die ich in diesen dunklen Zeiten aufgebracht habe. Ich sehe die unaufhörliche Liebe, die ich für Mama empfunden habe, und das unerschütterliche Gefühl der Verantwortung, das mich angetrieben hat. Es war kein Versagen, sondern der verzweifelte Versuch eines Kindes, seine Welt zusammenzuhalten, während alles um es herum zerbrach.
Es tut weh zu sehen, wie ich mich damals gefühlt habe, aber es erinnert mich auch daran, wie weit ich gekommen bin. Es ist schwer, diese Vergangenheit zu konfrontieren, aber ich weiß, dass es wichtig ist, um Heilung zu finden und um den Schmerz aus der Vergangenheit zu verstehen und anzunehmen.
Vielleicht ist es an der Zeit, endlich Frieden mit diesen Erinnerungen zu schließen und die Lektionen, die ich aus dieser Zeit gelernt habe, in meine Gegenwart zu integrieren. Ich will nicht mehr in den Schatten der Vergangenheit leben, sondern in die Zukunft blicken—eine Zukunft, die ich für mich selbst und für andere schaffen möchte. Es ist Zeit, das Kapitel abzuschließen und mit dem Wissen und der Stärke weiterzumachen, die ich aus diesen Erfahrungen gewonnen habe.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Fiksi UmumDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
