Dienstag, 21. September. 2010

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Liebes Tagebuch,

in fünf Tagen habe ich Geburtstag. Wieder ein Geburtstag ohne Mama.

Heute kommt Paulina vorbei. Sie will mit mir reden – über Mama, über das, was passiert ist. Sie sagt, sie möchte verstehen, wie es zu Mamas Rückfall kam, damit sie der Klinik helfen kann, Mama besser zu unterstützen.
Aber wie soll ich ihr das erklären, Tagebuch, wenn ich es selbst nicht verstehe?

Manchmal denke ich, vielleicht liegt es daran, dass das Wort Leben rückwärts Nebel heißt. Vielleicht sieht man deshalb so wenig. Alles ist irgendwie verschwommen. Man will etwas richtig machen – und plötzlich ist alles anders.
Man kann sein Leben nicht planen. Das Schicksal macht, was es will.

Ich frage mich oft: Warum passiert das alles? Gibt es jemanden, der sich dabei etwas denkt? Und wenn ja – warum so? Ich verstehe es nicht.
Viele sagen, der Sinn des Lebens sei einfach: zu leben.
Aber für mich bedeutet es eher, zu lernen, mit dem umzugehen, was einem passiert.
Und das ist nicht immer fair.

Manche Menschen haben ein leichtes Leben. Ohne Sorgen, mit Eltern, die da sind. Andere müssen kämpfen. Ich gehöre wohl zu denen, die kämpfen müssen.

Aber ich habe beschlossen:
Ich werde kämpfen.
Ich werde mich nicht klein machen lassen. Ich frage nicht mehr ständig, wie es Mama geht. Nicht aus Wut. Sondern weil ich anfangen will, auch an mich zu denken.

In den letzten Jahren habe ich fast immer nur für andere gelebt. Jetzt bin ich mal dran.


Paulina war gerade da.

Wir haben gesprochen. Über Mama. Über das Bild. Über die Tabletten. Und über mich.

Sie fragte leise:
„Wie hast du dich dabei verhalten, Marlene?"

Ich habe alles erzählt.
Wie ich die Tabletten entdeckt habe.
Wie Mama mich angeschrien hat – das erste Mal überhaupt.
Wie sie sagte, ich solle sie in Ruhe lassen und zur Schule gehen.
Dabei war es Samstag, Paulina. Samstag.
Und ich wollte ihr doch nur helfen.

„Wann hast du gemerkt, dass es ernst wird?", fragte sie weiter.

„Als sie das Foto in ihrem Zimmer aufgehängt hat", sagte ich.
„Danach wurde sie immer stiller. Blieb länger im Bett. Dann kamen die Tabletten zurück. Ich wusste, es sind wieder Schlaftabletten, obwohl sie sagte, sie wären aus der Klinik. Aber sie hatte doch längst keine mehr... Ich habe mir den Namen gemerkt. Als ich ihn sagte, wurde sie wütend."

„Wütend wie?", fragte Paulina.

„Ich habe ihr die Tabletten weggenommen. Ich habe gesagt, dass ich dich anrufen will. Da hat sie gesagt, sie wäre enttäuscht von mir. Dass sie nicht wisse, ob sie mir das je verzeihen kann. Ich... ich wollte doch nur das Richtige tun."

Paulina sah mich an. Dann sagte sie sanft:
„Du weißt, dass deine Mama das nicht so gemeint hat, oder?"

Ich habe genickt. Aber...
es tat trotzdem weh, Tagebuch.
Denn das war einer der letzten Sätze, die Mama zu mir gesagt hat.

Sie sagte auch, dass sie es ohne die Medikamente nicht mehr aushält.
Und dass ich nie verstehen würde, wie sie sich fühlt.

Da habe ich sie gefragt:
„Hast du mal darüber nachgedacht, wie es mir geht?"

Sie hat nichts geantwortet. Aber ihr Blick...
Er fühlte sich an wie:
„Stell dich nicht so an."

Paulina sagte dann:
„Menschen mit Depressionen haben oft gar keinen Raum in sich, um an andere zu denken. Sie kämpfen so sehr mit sich selbst, dass sie kaum wahrnehmen, was um sie herum passiert."

Ich habe nichts gesagt.
Meine Ohren haben es verstanden. Aber mein Herz...
das war einfach nur traurig.

„Warum hast du Sophie nichts gesagt, als sie bei euch war?", fragte Paulina noch.

„Mama war meistens besser drauf, wenn Sophie da war. Ich glaube... ich wollte einfach verdrängen, dass es wieder soweit war. Ich wollte nicht schon wieder denken: Ich habe versagt."

Paulina legte ihre Hand auf meine.
„Du hast nicht versagt, Marlene. Wenn jemand versagt hat, dann wir – die Erwachsenen. Wir haben es nicht erkannt. Nicht schnell genug reagiert. Das war nicht deine Schuld."

Das tat gut, Tagebuch. Es tat richtig gut, das zu hören.

Dann sagte sie noch etwas:
„Du bist ein tolles Mädchen. Das vergisst du nur manchmal. Jeder würde sich so eine Tochter wünschen. Aber du musst auch mal an dich denken, Marlene. Du darfst das."

Und vielleicht, Tagebuch,
war das der Moment,
in dem ein winzig kleines Stück Hoffnung
zu mir zurückkam.

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Kurz vor meinem zehnten Geburtstag begann ich, mich selbst zu sehen. Nicht nur als Tochter, als Beschützerin, als stumme Beobachterin – sondern als Mensch mit eigenen Bedürfnissen. Ich begann zu begreifen, dass es nicht egoistisch ist, wenn man sich selbst retten will.

Was Paulina mir in diesem Gespräch gegeben hat, war mehr als Trost – es war Anerkennung. Eine erste Ahnung davon, dass meine Geschichte nicht nur ein Schatten von Mamas Geschichte ist. Sondern eine eigene.

Und vielleicht war das der Beginn eines ganz leisen Neuanfangs.


Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt