Donnerstag, 05. Juni. 2014

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Liebes Tagebuch,

Glück hat man, wenn die Katastrophe eine Pause macht.

Diesen Satz habe ich früher so oft von Liv gehört. Es waren die Zeiten, in denen ich an allem zweifelte, was ich tat  und vor allem daran, ob ich überhaupt etwas richtig machte. Immer wenn sich der Sturm in meinem Kopf ein wenig gelegt hatte, fing ich an, mir Vorwürfe zu machen. Dafür, dass Mama krank geworden war. Dafür, dass ich es vielleicht nicht bemerkt hatte. Oder schlimmer noch,dass ich es hätte verhindern können. Auch wenn ich tief in mir wusste, dass das nicht stimmte.

Liv hat diesen Satz dann oft zehnmal nacheinander gesagt. Manchmal noch öfter. Und obwohl ich ihn schon kannte, musste ich ihn immer wieder hören, bis ich ihn wirklich verstand. Er bedeutete nicht, dass alles gut war. Nur, dass es gerade nicht schlimm war. Und das war manchmal schon genug.

Es bringt nichts, ständig in der Vergangenheit zu graben, zumindest nicht, wenn man dabei übersieht, dass es einem gerade gut geht. Trotzdem passiert es. Manchmal ganz plötzlich. Dann schweife ich ab in alte Tage, und alles ist auf einmal wieder so nah, als wäre es eben erst passiert. Als würde ich wieder mitten drinstehen in der Angst, in der Unsicherheit, in dem leisen Gefühl, dass alles jederzeit wieder zusammenbrechen kann.

Diese Erinnerungen kommen wie ein Buch, das man nicht ganz zuklappen kann. Ein Buch, das man immer wieder in die Hand nimmt. Und meistens öffnet man genau die Kapitel, die am meisten wehgetan haben. Die, bei denen man schon vorher weiß, dass sie schwer werden. Und trotzdem kann man nicht anders, als sie Seite für Seite zu lesen. Wort für Wort.

Solche Tage machen mich traurig. Ich bin dann nicht besonders produktiv, manchmal weine ich ,ohne genau zu wissen, warum. Ich weiß nur, dass es raus muss. Und wenn es raus ist, kann ich das Buch meines Lebens wieder schließen. Zumindest bis zum nächsten Mal.

Gestern war so ein Tag.

Aber heute? Heute ist ein anderer Tag. Heute ist ein guter Tag. Vielleicht sogar der schönste dieses Jahres. Und weißt du was, Tagebuch? Ich habe beschlossen, ihn zu genießen. Ganz bewusst. Ganz echt.

Du fragst dich sicher, warum dieser Tag so besonders ist. Ich will es dir sagen.

Heute ist Livs Baby auf die Welt gekommen.

Ein kleiner Junge. Und er trägt den Namen Jaron, das bedeutet „der immer Glückliche". Ich wünsche ihm von Herzen, dass dieser Name sein Leben prägt. Dass er voller Leichtigkeit und Lachen aufwächst. Und weil er in so einer liebevollen Familie aufwachsen darf, glaube ich wirklich daran, dass genau das möglich ist.

Liv und Jonah hatten das Geschlecht vorher niemandem verraten. Nicht mal uns. Sie wollten kein Rosa und kein Hellblau, keine Erwartungen, keine Klischees. Also waren wir alle gezwungen, neutrale Babygeschenke zu kaufen, beige, grau, grün oder mit Tieren drauf. Und irgendwie war das auch schön so. Es ging nicht darum, was das Baby ist. Sondern darum, dass es kommt. Und willkommen ist.

Ich muss zugeben, ich hatte so eine Ahnung. Jonah hatte sich oft verplappert. Immer dann, wenn er lächelte, wenn jemand „Junge" sagte. Und ich gebe zu... vielleicht habe ich auch ein Gespräch mitgehört, in dem die beiden schon über seinen Namen gesprochen haben. Aber hey, dafür gibt's keine Beweise!

Heute sind wir alle gemeinsam ins Krankenhaus gefahren. Luana, Toni,  Nala, Eleni, Leo, Lyara  und ich. Liv sah müde aus, aber auch glücklich. So richtig. Und Jonah... der konnte gar nicht aufhören zu grinsen. Als hätte er gerade die Welt gewonnen.

Jaron schlief, als wir ihn sahen. Friedlich, klein, zart. Und dann durfte ich ihn sogar halten. Er öffnete kurz die Augen, sah mich an und er schien zu lächeln. Es war vielleicht nur ein Reflex. Aber für mich war es mehr. Ein echter Moment. Ein Versprechen.

Nala war ein bisschen frustriert. Jedes Mal, wenn sie ihn hochnahm, weinte er. Bei mir war er ruhig. Vielleicht spüren Babys so etwas. Vielleicht hat Jaron gefühlt, dass ich weiß, wie es ist, wenn man von Anfang an mit zu viel fühlt. Wenn man sich nach einem sicheren Ort sehnt. Wenn man einfach gehalten werden will.

Heute ist ein neues Leben gestartet. Und wir alle waren dabei.

Ich wünsche Jaron ein Leben voller Licht und Farbe. Voller Abenteuer und Geborgenheit. Ich wünsche ihm, dass er viele Kapitel schreibt, die er später gerne wieder liest. Und wenn doch mal ein dunkles dazwischen ist, dann wünsche ich ihm Menschen, die ihm helfen, es durchzublättern.

Und weißt du, Tagebuch?

Vielleicht komme ich ja wirklich in ein paar Kapiteln vor. Vielleicht als die „Tante Marlene", die ihm zeigt, wie man ein Tagebuch führt. Oder die ihm beibringt, wie man trotz Angst mutig bleibt. Oder einfach nur als die, die da war.

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Heute weiß ich, wie wichtig diese frühen Begegnungen sind. Wenn ein Kind zur Welt kommt, dann beginnt nicht nur sein Leben, es beginnt ein Netz aus Beziehungen, das es tragen kann oder eben nicht. Und manchmal sind es nicht die Eltern allein, die das Netz knüpfen, sondern auch Menschen am Rand, wie ich damals.

Ich war selbst noch ein Kind, als ich Jaron zum ersten Mal hielt. Aber ich trug schon viele Erfahrungen in mir. Vielleicht zu viele. Und doch war ich in diesem Moment nicht traurig. Ich war Teil von etwas Gutem. Etwas Neuem.

Ich habe in den Jahren danach oft überlegt, wie viele „Jaron-Momente" es braucht, um die dunklen Kapitel eines Lebens auszugleichen. Ich glaube nicht, dass man sie ganz ungeschehen machen kann. Aber man kann neue schreiben, leichtere, hellere. Und manchmal reicht ein einziger Tag, um damit anzufangen.

Vielleicht war es nie das Ziel, die Vergangenheit auszulöschen. Vielleicht geht es vielmehr darum, ihr etwas entgegenzusetzen. Etwas, das bleibt.
Eine Erinnerung, die nicht schmerzt. Ein Lächeln, das nicht verblasst. Eine Stimme, die sagt: Du bist wichtig. Du bist da. Und ich sehe dich.

Jaron war noch so klein, als ich ihn hielt, aber er hat etwas in mir bewegt. Er hat mich spüren lassen, dass ich nicht nur die Summe meiner eigenen Erlebnisse bin. Dass ich für andere etwas sein kann, was mir selbst oft gefehlt hat. Halt. Wärme. Nähe.
Vielleicht war es das, was ich damals gebraucht habe, nicht als Trost, sondern als Antwort.

Heute weiß ich, dass es manchmal die stillen Momente sind, die am lautesten nachklingen.
Und dass wir nicht erst groß und stark sein müssen, um für jemand anderen etwas Gutes zu sein. Manchmal reicht es, einfach da zu sein. Ein Herz zu öffnen. Eine Hand zu halten. Oder einfach nur einen Namen zu flüstern, zur richtigen Zeit.

Denn wer liebt, schreibt mit. An der Geschichte eines anderen.

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