Liebes Tagebuch,
Mama hat die Tagebücher wirklich gelesen. Als ich sie das letzte Mal besuchte, gab sie sie mir schweigend zurück. Kein großes Gespräch, kein Drama – einfach nur dieser eine Moment. Seitdem besuche ich sie regelmäßig, jedes zweite Wochenende.
Ich habe sie gefragt, was sie darüber denkt, jetzt, wo sie alles gelesen hat.
Sie hat gesagt, dass es ihr leid tut. Dass sie nun besser versteht, wie schwer es auch für mich war – und dass sie wirklich immer an mich gedacht hat.
Mama erklärte mir, dass sie damals die Tabletten genommen hatte, weil sie solche Angst um mich hatte – und gleichzeitig wusste, dass es mir damit nicht gut gehen konnte. Sie fühlte sich machtlos, wusste, dass sie die Kontrolle verloren hatte. Und sie hatte Schuldgefühle. Weil Felix immer wieder gewalttätig wurde. Weil sie es war, die ihn überhaupt in unser Leben gelassen hatte.
Sie sagte, dass sie es feige fand, die Realität mit Tabletten auszublenden, statt sich dem Problem zu stellen. Dass sie heute sieht, wie sehr ich damals kämpfen musste – und wie wenig sie das mitbekommen hat.
Dann sprach sie von meinem neunten Geburtstag – dem Tag, an dem Felix mich geschlagen hat. Dieser Tag war ein Wendepunkt. Danach kam alles ans Licht, vor allem durch Liv. Mama meinte, dass es unfair von ihr war, von mir zu verlangen, nichts zu sagen. Sie selbst wusste einfach nicht, was sie tun sollte – weil sie sich so machtlos fühlte.
Und dann sagte sie noch etwas, Tagebuch.
Sie bat mich, es nicht falsch zu verstehen.
Ich sei einer der wichtigsten Menschen in ihrem Leben, sagte sie. Aber sie glaube, es sei besser, wenn ich weiterhin bei Luana bleibe.
Sie müsse sich erst wieder selbst finden. Es gehe ihr besser – aber sie sei noch nicht so weit, wieder ganz „die Alte" zu sein.
„Marlene, du hast es verdient, glücklich zu sein. Und ich weiß, dass du bei den anderen glücklich bist. Es wäre unfair von mir, zu verlangen, dass du zu mir zurückkommst, während ich noch mit mir selbst kämpfe und dir nicht geben kann, was du brauchst. Bitte nimm mir das nicht übel. Ich versuche nur, dich vor dem zu schützen, vor dem du laut deinen Tagebüchern immer Angst hattest."
Tagebuch, ich finde es gut, dass sie das sagt. Vielleicht ist das wirklich der erste Schritt in die richtige Richtung. Es fühlt sich ein bisschen an wie Aufrichtigkeit. Wie Verantwortung. Wie echte Fürsorge.
Ich habe Mama lieb. Und ich werde sie immer lieben.
Aber vielleicht ist das jetzt der Moment, an dem wir beide beginnen, uns gegenseitig zu verstehen – ohne Schuld, ohne Wut. Nur mit dem Wunsch, es beim nächsten Mal besser zu machen.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Fiction GénéraleDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
