Liebes Tagebuch,
als ich heute Morgen aufgewacht bin, kam Luana direkt in mein Zimmer. Sie sagte, dass die Klinik angerufen hätte – und dass ich in einer Stunde mit Mama telefonieren darf. Mein Herz hat sofort schneller geschlagen. Seit drei Monaten habe ich nichts von ihr gehört. Ich wusste nicht, wie es ihr geht, was sie macht oder ob sie überhaupt noch an mich denkt.
Tagebuch, ich hatte solche Angst vor diesem Anruf. Was, wenn Mama mich vergessen hat? Was, wenn sie gar nicht mehr will, dass ich bei ihr bin? Aber gleichzeitig war ich so voller Vorfreude, dass ich am liebsten die Uhr vorgespult hätte.
Als der große Moment kam, brachte Luana mir das Telefon. Ich hielt es ganz fest. Mein Herz pochte, meine Hände zitterten. Dann hörte ich Mamas Stimme.
Sie klang müde und irgendwie weit weg – wie durch Watte. Fast so, wie Felix immer klang, wenn er von irgendeiner Feier zurückkam. Aber es war ganz klar ihre Stimme.
Mama sagte, dass sie mich vermisst. Sie fragte, wie es mir geht, und ich habe ihr erzählt, dass ich bei einer netten Familie wohne – aber nur vorübergehend, bis es ihr besser geht. Ich habe sie gefragt, ob die Regenwolke endlich verschwunden ist. Sie sagte nein. Und dass sie auch noch keinen Regenschirm hat.
Aber sie erzählte, dass sie in den letzten zwei Wochen immerhin schon ein paar Stunden am Tag aufgestanden ist. Das machte mir Hoffnung. Kurz.
Denn plötzlich war nur noch ein dumpfes Geräusch zu hören, als ob etwas heruntergefallen wäre. Ich rief: „Mama?" – aber keine Antwort. Dann hörte ich eine fremde Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.
Sie fragte nach meinem Namen. Und nach meinem Alter. Ich antwortete – etwas unsicher – und fragte sofort: „Warum redet Mama nicht mehr?"
Die Frau sagte nur, dass es Mama schon besser ginge, seit sie in der Klinik sei. Aber dass es noch lange dauern würde, bis es ihr wirklich gut geht. Dann legte sie einfach auf.
Das war also das Gespräch, auf das ich so lange gewartet hatte?
Luana kam gleich danach zu mir und fragte, was los sei. Ich erzählte ihr von Mamas Stimme – wie seltsam sie klang, wie plötzlich das Gespräch endete. Luana erklärte mir, dass Mama starke Medikamente bekommt. Die helfen, die Regenwolke seltener zu sehen. Aber sie machen auch müde. Und langsam. Und manchmal vergisst man davon, wie man sich richtig ausdrückt.
Sie sagte, Mama bekommt zurzeit eine hohe Dosis, aber das soll bald weniger werden.
Ich habe ihr nicht geantwortet.
Stattdessen habe ich das Amulett um meinen Hals gedrückt. Das, das Mama mir zum Geburtstag geschenkt hat. Ich habe es festgehalten. Ganz fest. So fest, wie ich sie am liebsten umarmen würde. Es ist das Einzige, was ich noch von ihr habe, das nah bei mir ist.
Tagebuch, ich weiß nicht, ob mich das beruhigt. Ich hatte mir so sehr gewünscht, dass wir wieder richtig miteinander reden können. Dass ich ihr von Muckine erzählen kann, von Liv und Nala und Linus. Dass sie sich freut, wenn sie hört, dass es mir gut geht.
Aber stattdessen klingt sie weiter weg denn je.
Ich hatte gehofft, sie würde bald zurückkommen.
Jetzt weiß ich: Das wird noch dauern.
DU LIEST GERADE
Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
