Liebes Tagebuch,
das neue Schuljahr hat begonnen –
aber diesmal habe ich tatsächlich etwas Positives zu berichten.
Seit dieser Woche gibt es Natalie in meiner Klasse.
Ein Mädchen, das neu zu uns gekommen ist.
Schon am ersten Tag hat sie sich neben mich gesetzt
und war freundlich zu mir.
Einfach so.
Ohne zu fragen.
Ohne zu zögern.
In der Pause haben die anderen gleich versucht,
sie davon zu überzeugen, dass es sich nicht lohnt,
Zeit mit mir zu verbringen.
Aber Natalie ist geblieben.
Und sie hat mich verteidigt.
Etwas, wozu ich selbst schon lange keine Kraft mehr habe.
Sie hat keine Fragen gestellt.
Nicht: „Was ist mit dir los?"
Nicht: „Warum redet niemand mit dir?"
Gar nichts.
Und dafür bin ich ihr so dankbar.
Ich weiß nicht,
ob ich es geschafft hätte,
ihr irgendetwas zu erklären.
Ob ich es zugelassen hätte,
dass sie mir nahe kommt.
Aber Natalie... ist einfach da.
Tagebuch, ich glaube, sie könnte eine richtige Freundin werden.
Sie lässt sich nicht beeinflussen.
Nicht von den Worten der anderen.
Nicht vom Getuschel.
Nicht von den Blicken.
Das ist eine dieser Gaben, von denen Paul gesprochen hat.
Das Nicht-Urteilen.
Die bedingungslose Offenheit.
Natalie ist wie ich acht Jahre alt.
Sie wohnt im Nachbarort
und ist die zweite von vier Geschwistern.
Sie hat einen großen Bruder,
der schon in die zehnte Klasse geht,
und zwei kleine Zwillingsschwestern,
die noch in den Kindergarten gehen.
Natalie lebt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof.
Ein echtes Paradies.
Ich weiß das, weil ich heute mit zu ihr durfte.
Ich durfte mir alles anschauen.
Sie haben Pferde,
Kühe,
Schweine,
Hühner,
Enten,
Gänse,
Katzen –
und Olaf.
Olaf ist ein alter Bernhardiner.
So groß,
dass man fast auf ihm reiten könnte.
All diese Tiere leben im Freien.
Natalie hat gesagt,
dass ihre Eltern sehr darauf achten,
dass es den Tieren gut geht.
„Unsere Schweine wissen, wie Wiese, Schlamm und Sonne riechen",
hat sie gesagt.
„Sie leben ein echtes Schweineleben –
und wenn sie dann irgendwann geschlachtet werden,
ist das traurig,
aber irgendwie in Ordnung."
Wir sind mit dem Traktor über die Felder gefahren.
Ich habe noch nie so viele Felder auf einmal gesehen.
Natalies Mutter hat uns erklärt,
dass sie Bio-Bauern sind.
Dass sie ohne Gifte und Dünger arbeiten.
Sogar krummes Gemüse
kommt bei ihnen auf den Markt –
wird nicht einfach weggeschmissen.
Sie hat uns erzählt,
dass sie auf das Pflügen verzichten,
weil dabei Schadstoffe aus dem Boden in die Luft gelangen.
Stattdessen pflanzen sie erst Futterpflanzen –
wie Hirse oder Sonnenblumen –
lassen dann die Kühe auf die Felder.
„Die Wurzeln lockern den Boden,
die Kühe fressen die Pflanzen,
und sie düngen ihn gleich mit.
So bleibt der Boden fruchtbar –
und die Umwelt wird geschont."
Ich fand das alles total spannend.
Tagebuch, ich mag Natalie wirklich sehr.
Ich hoffe so sehr,
dass sie bei mir bleibt –
und nicht wie die anderen wird.
Nicht wie die,
die wegschauen,
sich abwenden,
und plötzlich
nicht mehr da sind.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Ficción GeneralDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
