Liebes Tagebuch,
Heute ist es genau sieben Monate her, seit ich Mama das letzte Mal gesehen habe.
Tagebuch, ich habe Angst, dass ich Mama irgendwann vergesse. Was ist, wenn ich mich nicht mehr an ihr Lächeln erinnern kann? An ihre Stimme? An den Geruch ihres Pullovers, wenn ich mich an sie gekuschelt habe?
Ich habe ein Bild von ihr. Es liegt immer hier in dir, Tagebuch, zwischen den Seiten. Aber es ist fast drei Jahre alt. Was, wenn Mama heute ganz anders aussieht? Was, wenn ich sie nicht mehr erkenne, wenn ich sie endlich wiedersehen darf?
Und noch schlimmer: Was, wenn sie mich nicht mehr erkennt?
Seit ich bei Luana lebe, habe ich mich verändert. Ich bin in der Schule selbstbewusster geworden. Ich spreche mehr, sage meine Meinung und traue mich öfter, vor der Klasse etwas zu sagen. Manchmal denke ich, ich bin nicht mehr das Mädchen, das Mama damals beschützt hat. Vielleicht bin ich zu anders geworden.
Luana sagt, dass der Charakter der Eltern oft auf die Kinder übergeht. Mama war immer eher ruhig. Sie hat selten widersprochen, sich nie getraut, laut zu werden. Vielleicht war das der Grund, warum Papa und Felix so lange bleiben konnten. Mama hatte Angst. Und ich verstehe das. Die beiden waren laut. Grob. Einschüchternd. Sie konnten dir ohne Worte zeigen, dass du besser still bleibst.
Ich glaube, Mama hat geschwiegen, um sich und mich zu schützen. Und ich? Ich habe das Schweigen von ihr gelernt. Ich denke viel nach, bevor ich rede. Manchmal zu viel. Ich verliere mich in Gedanken und stelle mir tausend „Was-wäre-wenn"-Fragen.
Aber Liv hat gesagt, dass es nicht schlimm ist, wenn man leise ist. Dass es viel wichtiger ist, in den richtigen Momenten laut zu sein – wenn man jemanden verteidigen muss, wenn es um Gerechtigkeit geht, oder wenn man sagen muss: „Stopp. So nicht."
Sie hat auch gesagt, dass Freunde das Wertvollste sind, was man haben kann – und dass man sie beschützen muss. Freunde sind die Familie, die man sich aussuchen kann, hat sie gesagt.
Ich glaube, sie hat recht.
Karla ist meine beste Freundin. Wir verbringen fast jeden Tag zusammen – nach der Schule oder am Wochenende. Ich kann mit ihr genauso reden wie mit dir, Tagebuch. Nur dass sie sogar antwortet. Sie versucht, meine vielen Fragen zu beantworten, und manchmal findet sie sogar die Worte, die mir fehlen.
Liv, Nala, Linus und Karla – sie sind wie meine zweite Familie geworden. Und ich hoffe, sie bleiben es noch lange.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
