Liebes Tagebuch,
seitdem ich Liv so angeschrien habe, habe ich kein Wort mehr mit den anderen gesprochen. Bis heute Nacht. Da bin ich mitten in der Nacht zu Liv ins Zimmer gegangen und habe sie geweckt.
Sie hat sich ziemlich erschrocken, aber ich habe mich bei ihr entschuldigt. Ich wollte sie nicht so anschreien. Ich weiß, dass sie mir nur helfen will – Hilfe, die ich mir eigentlich immer gewünscht habe. Doch jetzt, wo ich sie bekomme, fühlt es sich so an, als wollte ich sie gar nicht mehr. Es ist einfach nicht die Hilfe, die ich mir vorgestellt habe.
Liv hat gesagt, dass sie mir nicht böse ist. Sie kann verstehen, dass das alles gerade überwältigend für mich ist. Ich habe ihr erzählt, dass ich nur auf Mama aufpassen wollte. Dass ich ihr versprochen habe, niemandem zu sagen, wie es bei uns wirklich ist, weil sie meinte, dass wir sonst getrennt werden. Und jetzt ist genau das passiert.
Liv hat mir geraten, das Ganze nicht als Strafe zu sehen, sondern als Chance. Als Möglichkeit für einen echten Neuanfang. Sie sagte, dass weder sie noch Luana mir etwas Böses wollten – und dass niemand versuchen will, Mama zu ersetzen. Mama bleibt immer meine Mama. Egal, wo ich jetzt bin.
Ich habe ihr gesagt, dass ich so lange gekämpft habe, um Mama nicht zu verlieren, und dass es trotzdem passiert ist. Dass sich das alles wie ein riesiger Fehler anfühlt. Aber Liv meinte, ich solle versuchen, positiv in die Zukunft zu schauen. Ob es nicht besser sei, jetzt erst einmal ein bisschen zur Ruhe zu kommen, bevor ich wieder zurückgehe – anstatt ständig Angst zu haben, unter Druck zu stehen oder Felix aus dem Weg gehen zu müssen.
Sie sagte, dass es nicht meine Aufgabe war, mich um Mama zu kümmern. Ich sei ein Kind. Seit ich sieben bin, habe ich jeden Tag gekocht. Und das sei einfach zu viel. Sie meinte, ich solle die Gelegenheit nutzen, um einfach mal durchzuatmen. Mal irgendwo anzukommen. Mal keine Verantwortung tragen zu müssen.
Es war schön zu hören, dass sie verstanden hat, wie sehr ich mich bemüht habe. Aber sie sagte auch, dass es jetzt an der Zeit sei, an mich selbst zu denken. Dass ich mir Ruhe verdient habe. Und dass ich schlafen soll – weil das vielleicht das Beste ist, was ich gerade für mich tun kann.
Beim Frühstück heute habe ich mich zum ersten Mal getraut, mit Luana zu sprechen. Ich habe sie gefragt, wann ich Mama sehen kann.
Luana hat gesagt, dass Mama erst einmal drei Monate lang keinen Kontakt zur Außenwelt haben darf, weil sie sich ganz auf ihre Genesung konzentrieren muss. Danach dürfe sie vielleicht telefonieren – aber wann ich sie besuchen darf, müssten die Ärzte entscheiden, die sich um Mama kümmern. Sie hat mir versprochen, mit ihnen in Kontakt zu bleiben und mich auf dem Laufenden zu halten.
Am Nachmittag hat Nala mich mit in eine Sporthalle genommen. Sie macht Kickboxen – und dachte, das würde mir guttun. Dass ich meinen ganzen Frust mal rauslassen kann. Und weißt du was, Tagebuch? Sie hatte recht.
Es hat verdammt gutgetan.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Fiksyen UmumDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
