Liebes Tagebuch,
Ich habe seit dem Eisessen nicht mehr mit Mama gesprochen. Ich bin auch nicht mehr zu ihr gegangen. Nicht einmal zum Geburtstag habe ich ihr gratuliert. Und weißt du was, Tagebuch? Ich schäme mich nicht einmal dafür. Nicht, weil ich ihr absichtlich wehtun wollte – sondern weil ich es einfach nicht konnte. Ich konnte nicht so tun, als wäre alles wie immer. Als hätte sie mich nicht mit dieser Nachricht überrollt. Als wäre es nichts Besonderes, wenn plötzlich ein fremder Mann an unserem Tisch sitzt und sagt, er sei Mamas neuer Freund.
Bin ich deshalb eine schlechte Tochter? Nein, ich glaube nicht. Vielleicht ist es genau umgekehrt. Vielleicht bin ich einfach nur eine Tochter, die sich sorgt. Die Angst hat. Eine Tochter, die ihre Mutter zu sehr liebt, um gleichgültig zu sein. Es war schließlich Mama, die mich mit dieser Nachricht konfrontiert hat, ohne vorher auch nur ein Wort zu sagen. Ohne zu fragen, ob ich dazu bereit bin. Ohne zu überlegen, wie es sich für mich anfühlen könnte.
Ich weiß, dass Henry nichts dafür kann. Er kennt mich nicht. Er weiß nicht, was passiert ist. Aber trotzdem – er war einfach da. Und ich hatte keine Wahl. Keine Zeit, mich innerlich darauf vorzubereiten. Keine Möglichkeit, Mama zu sagen, wie sich das anfühlt: Wieder zurückzustecken, wieder die zu sein, die Verständnis zeigen soll.
Heute ist Samstag, und ich bin allein mit Nala zu Hause. Die anderen sind ins Schwimmbad gefahren. Ein riesiges Ding mit Rutschen, Wellenbecken und Pommes aus der Fritteuse. Früher hätte ich mich gefreut, aber heute? Ich wollte nicht mit. Ich mag Wasser nicht besonders. Schon als Kind war mir das nie geheuer – dieses Gefühl, unterzutauchen, nicht richtig atmen zu können, die Kontrolle zu verlieren. Ich glaube, ich habe Wasser nie wirklich vertraut. Und ehrlich gesagt kann ich auch nicht besonders gut schwimmen. Es hat nie jemand wirklich mit mir geübt.
Nala hat gesagt, sie bleibt bei mir. Erst meinte ich, sie macht das nur mir zuliebe, aber später hat sie zugegeben, dass sie eigentlich gar keine Lust aufs Schwimmbad hatte. Es war ihr nur ganz recht, eine Ausrede zu haben.
Es war ein ruhiger Nachmittag. Ich lag auf dem Sofa, habe ein bisschen gelesen und Musik gehört. Nala hat oben irgendwas am Computer gemacht. Wir hatten gerade darüber gesprochen, was wir zum Abendessen machen wollen – vielleicht Pfannkuchen, vielleicht einfach nur Brot – da klingelte es an der Tür.
„Marlene, kannst du bitte runtergehen? Ich bin gerade noch beschäftigt!", rief Nala aus dem Obergeschoss.
Also bin ich zur Tür gegangen. Ich habe nicht viel erwartet – vielleicht ein Nachbar, der etwas wollte, oder ein Paketbote. Aber als ich die Tür einen Spalt öffnete, stockte mir der Atem. Es war Henry.
Ich habe die Tür sofort wieder zugeschlagen. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Warum war er hier?
Von draußen hörte ich seine Stimme. Ruhig, aber eindringlich: „Marlene, bitte. Ich möchte nur kurz mit dir reden. Mach die Tür auf."
Ich presste meine Stirn gegen das kühle Holz der Tür und schloss die Augen. Ich wollte ihn nicht sehen. Ich wollte gar nichts mehr davon wissen. „Geh weg! Lass mich in Ruhe!", rief ich.
Er klingelte erneut. Immer wieder. Die Sturmklingel tönte durch den ganzen Flur, und irgendwann kam Nala mit genervtem Gesichtsausdruck die Treppe herunter.
„Warum machst du denn nicht auf?", fragte sie, als sie meine verängstigte Haltung sah.
Ich flüsterte nur: „Das ist Henry."
Nala öffnete die Tür – ganz ruhig, ganz kontrolliert – und stellte sich vor mich. Zwischen mich und ihn. Sie kann das, weißt du? In einem Moment ist sie die genervte Schwester, im nächsten ein schützender Fels in der Brandung.
„Ja, bitte?", fragte sie kühl.
„Und Sie sind...?", fragte Henry zurück.
„Marlenes Schwester", sagte Nala fest.
Er sah sie einen Moment lang verwundert an. „Ah. Sie sind also... eine von der Pflegefamilie?"
„Ihre Schwester", wiederholte Nala schärfer.
Er versuchte, an ihr vorbei zu mir zu sehen. „Marlene, bitte. Ich glaube, wir sind auf dem falschen Fuß gestartet. Ich würde gern noch mal von vorn anfangen."
Aber Nala ließ ihn nicht durch. „Sie sehen doch, dass sie das nicht möchte. Bitte gehen Sie."
Er blieb ruhig, aber ich konnte hören, dass er sich Mühe gab, die Kontrolle nicht zu verlieren. „Ich möchte nur verstehen, was ich falsch gemacht habe. Ich habe ihr nichts getan. Es ist nicht fair. Ich weiß, dass sie sicher noch eine starke Bindung zu ihrem Vater hat –"
„Mein Vater sitzt im Gefängnis und hat das Wort Papa nie verdient!", unterbrach ich ihn.
Er sah mich an, als hätte ich ihm ins Gesicht geschlagen.
„Ihre Mutter hat Ihnen wohl gar nichts erzählt, oder?", fragte Nala nun ruhig, aber sehr bestimmt. Und dann erzählte sie ihm alles. In aller Kürze, aber mit jeder Menge Wucht. Über Felix. Über die Schläge. Über Mamas Krankheit. Über die Jahre, in denen ich geschwiegen habe. Über das, was niemand sehen wollte.
Mit jedem Wort wurde Henry stiller. Blasser. Klein.
„Ich wusste nur, dass ihre Mutter krank war. Und dass Marlene deshalb in einer Pflegefamilie lebt", flüsterte er irgendwann.
Er schaute wieder zu mir. „Es tut mir leid. Das wusste ich wirklich nicht. Ich wollte dir nie Angst machen. Ich... Ich wollte dich einfach kennenlernen. Nicht mehr."
Aber ich konnte nichts sagen. Ich stand einfach da, stumm.
Nala beendete das Gespräch. „Ich denke, das reicht. Marlene braucht Zeit. Und die hat sie. Bitte gehen Sie jetzt."
Dann schloss sie die Tür.
Sie drehte sich zu mir um, legte eine Hand auf meine Schulter. „Mein Gefühl sagt mir, er ist kein schlechter Mensch", sagte sie. „Aber du musst dich zu nichts zwingen. Du entscheidest, wie viel du zulassen willst. Und wenn du nichts willst – dann ist das auch okay."
Ich nickte nur.
Bitte, liebes Tagebuch... bitte sorge dafür, dass Mama nicht wieder krank wird. Nicht wegen ihm.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
