Liebes Tagebuch,
Ich weiß nicht genau, was Luana mir gegeben hat, aber heute habe ich eine zweite Dosis bekommen. Mein Kopf fühlt sich wie Watte an. Ich kann kaum klar denken, bin müde, leer, schwer. So, als ob jemand eine Decke über mich gelegt hat, die ich nicht mehr hochheben kann.
Es ist wieder spät abends, und ich habe gehört, wie Luana mit Liv und Toni gesprochen hat. Ihre Stimmen waren ernst, besorgt. Sie wollte heute noch einmal mit mir sprechen – aber ich konnte nicht. Die Worte sind da, aber sie kommen nicht heraus. Ich habe das Gefühl, ich habe sie verloren, irgendwo in mir.
Luana hat gesagt, ich sei in ein Loch gefallen. Und sie hat recht. Ich stehe nicht mehr nur am Rand. Ich bin hineingefallen. Tief. Und die Wände sind so steil, dass ich alleine nicht mehr hinaufkomme. Ich bräuchte eine Leiter – aber um die zu bekommen, müsste ich um Hilfe bitten. Und genau das ist im Moment unmöglich.
Luana hat gesagt, sie kommt gerade nicht mehr an mich heran. Dass ich sie nicht mehr reinlasse. Sie macht sich Sorgen. Ich mache allen nur noch Sorgen. Ich will das nicht. Ich will nicht immer nur ein Problem sein.
Sie meint, ich brauche jetzt dringend jemanden von außen. Einen Psychologen. Und sie hat gesagt, dass ich sonst vielleicht genauso werde wie Mama. Das hat mir Angst gemacht. Ich will nicht wie Mama werden. Aber was ist, wenn ich es schon bin? Ich weiß nicht mehr, wie ich mich anders verhalten soll. Nichts fühlt sich richtig an.
Ich will keine Last sein. Aber ich kann mich zu nichts mehr aufraffen. Warum auch? Ich habe so lange durchgehalten, bin wieder gut in der Schule geworden, habe gewartet, gehofft, gekämpft. Ich wollte, dass Mama stolz auf mich ist. Dass sie sich keine Sorgen machen muss. Und jetzt?
Jetzt höre ich von ihr, ich solle mich nicht so anstellen. Vielleicht hat sie das nicht so gemeint. Aber es tut trotzdem weh.
Ich habe gewartet. Ich habe durchgehalten. Ich habe mein Bestes gegeben. Und jetzt? Jetzt bin ich wieder getrennt von Mama. Wieder zurück bei Luana. Als ob alles, wofür ich gekämpft habe, nichts bedeutet.
Ich glaube nicht, dass Mama weiß, dass auch ich kämpfe. Jeden Tag.
Kurz vor meinem zehnten Geburtstag stand ich an einem Abgrund, in den ich längst gefallen war. Ich war nicht einfach traurig. Ich war leer. Zerschlagen. Ich hatte mich so lange stark gehalten – für Mama, für die Schule, für alle. Und irgendwann reichte es nicht mehr.
Was mir damals wie Schwäche vorkam, war in Wirklichkeit der Anfang eines langen Heilungsprozesses. Ich war nicht zerbrochen – ich war erschöpft. Und ich war bereit, Hilfe anzunehmen, auch wenn ich das damals nicht wusste.
Heute weiß ich: Ich war nicht wie Mama. Ich war ein Kind, das zu viel Verantwortung trug. Und ich hatte das Recht, zusammenzubrechen. Ich hatte das Recht zu schweigen, zu weinen, zu ruhen. Und ich hatte das große Glück, Menschen um mich zu haben, die nicht weggeschaut haben – vor allem Luana.
Ich habe es damals nicht sagen können, aber ich habe es gefühlt: Sie hat mich gehalten, als ich gefallen bin.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Genel KurguDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
