Liebes Tagebuch,
Ich beginne langsam, mit Henry klarzukommen. Letztes Wochenende habe ich Mama mal wieder besucht – das erste Mal seitdem sie mir Henry vorgestellt hat. Und ehrlich gesagt: Die Entscheidung kam vor allem durch Henry selbst. Er war es, der immer wieder vorsichtig nachgehakt hat. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich mich so lange nicht bei Mama gemeldet hatte. Und als ich dann dort war, habe ich gemerkt, wie sehr sie sich über meinen Besuch gefreut hat. Sie sah wieder richtig glücklich aus – so wie früher, bevor alles schwierig wurde.
Mama meinte, dass sie langsam wieder lernt, sich selbst zu mögen. Dass ihre Selbstzweifel weniger werden. Ich glaube, Henry tut ihr gut. Er bringt sie zum Lachen – und das, Tagebuch, ist mehr, als viele andere vor ihm geschafft haben.
Ich habe inzwischen das Gefühl, dass ich zu hart mit ihm war. Er ist wirklich geduldig mit mir gewesen. Andere hätten mich längst angeschrien, einfach ignoriert oder mich unter Druck gesetzt. Aber er hat nichts davon getan. Er hat einfach gewartet. Das rechne ich ihm hoch an.
Als ich letzten Samstag bei Mama ankam, schloss ich wie immer die Wohnungstür auf. Ich ging zuerst ins Wohnzimmer – Mama sitzt dort oft, wenn sie weiß, dass ich komme. Aber sie war nicht da.
„Mama?", rief ich.
Keine Antwort. Ich rief noch einmal, lief langsam durch den Flur. Ein komisches Gefühl breitete sich in mir aus. Doch dann hörte ich Geräusche aus der Küche und ging hin. Dort stand Henry. Es war nicht ganz zu erkennen, was er da trieb – aber er behauptete, es sei Kochen. Besonders geschickt stellte er sich nicht an. So viel war sicher.
„Wo ist Mama?", fragte ich.
„Die ist unterwegs – sie wollte eine alte Freundin besuchen. In einer halben Stunde müsste sie wieder da sein", sagte er, ohne den Blick von seinen Töpfen zu heben.
Ich ging in mein Zimmer. Es ist irgendwie komisch, dass ich hier überhaupt noch eines habe. Ich wohne nicht mehr hier, darf nur noch tagsüber zu Besuch kommen. Trotzdem ist es schön, dass Mama es nicht verändert hat. Vielleicht als Zeichen dafür, dass ich trotzdem noch dazugehöre.
Ich war gerade dabei, ein wenig in meinen Sachen zu kramen, als es laut aus der Küche schepperte – gefolgt von ziemlich wüsten Flüchen. Ich rannte los.
„Verdammt!", schimpfte Henry und hielt sich die Hand.
„Was machst du da?", fragte ich.
„Ich... ich koche. Ich wollte deine Mutter überraschen", murmelte er.
„Aber du kannst es nicht, oder?" Ich schaltete den Herd aus. Dann holte ich das Verbandszeug aus dem Schrank im Wohnzimmer. Mama hat immer alles griffbereit. Ihr Krankenschwestern-Ich lässt sie eben nie ganz los. Sie hat sogar gesagt, dass sie vielleicht bald wieder arbeiten möchte. Ich weiß nicht, ob das so klug ist. Krankenpflege kann sehr belastend sein. Ob sie dafür schon wieder stark genug ist?
„Jetzt werd mal nicht frech", sagte Henry.
„Setz dich hin. Zeig mal her", entgegnete ich nur ruhig.
Das war übrigens das erste Mal, dass mir mein Schulsanitäter-Dasein wirklich nützlich war. Bisher hatte ich es nur mit aufgeschlagenen Knien und Kreislaufproblemen zu tun. Jetzt konnte ich mal richtig helfen.
„Das ist nicht schlimm", meinte Henry.
„Klar. Erst rumjammern, und dann ist es plötzlich nichts", murmelte ich und sah mir die Wunde an. Ganz ehrlich, Tagebuch – wie er das beim Möhrenschneiden hinbekommen hat, bleibt mir ein Rätsel. Es war jedenfalls tief.
„Man könnte meinen, du hattest noch nie ein Messer in der Hand", sagte ich.
Er schwieg. Endlich mal. Vielleicht konnte er jetzt ein bisschen besser verstehen, wie es sich anfühlt, wenn man sich verletzlich fühlt.
„Aua, das brennt!", beschwerte er sich, als ich die Wunde desinfizierte.
„Willst du, dass es sich entzündet?"
„Nein."
„Dann jammer nicht."
Ich weiß, das war gemein – aber ich hatte fast ein bisschen Spaß daran. Manchmal brauche ich das. Und ganz ehrlich: Er hat mich damals auch ohne Vorwarnung aus dem Unterricht holen lassen. Jetzt war ich dran.
Ich verband die Hand und sagte: „Du musst zum Arzt. Das muss genäht werden."
„Wegen dem Kratzer? Das heilt doch so", entgegnete er.
„Nein, tut es nicht. Die Wunde ist tief, mitten in der Handfläche, und die bewegt sich ständig. Das entzündet sich sonst, und dann wird's richtig eklig. Du kannst es dir auch gern nochmal von Mama sagen lassen. Oder du fährst direkt zu Luana. Die ist noch eine halbe Stunde in ihrer Praxis. Ich mach dein Essen fertig – dann kannst du dich vor Mama als Chefkoch feiern lassen. Wenn du wartest, bis Mama dir eine Standpauke gehalten hat, bleibt dir nur noch das Krankenhaus", erklärte ich.
Er seufzte. „Seit wann bist du eigentlich so ein Klugscheißer?"
„Bin ich nicht. Ich hab einfach nur recht."
Henry machte sich tatsächlich auf den Weg zu Luana.
Und ich? Ich blieb zurück, machte das Essen fertig – und hatte das erste Mal das Gefühl, ihm nicht nur gegenüberzustehen, sondern auf Augenhöhe zu begegnen. In der Schule ist er der Lehrer, der mir sagt, was ich zu tun habe. Heute war es mal umgekehrt.
Später erzählte mir Luana, dass er sich bei ihr ziemlich angestellt hat, als sie mit der Nadel kam. Bei Mama hingegen hat er sich als Held aufgespielt – als wäre er trotz schwerster Verletzung noch tapfer am Herd geblieben. Ich hab's ihm gegönnt. Ehrlich.
Aber ich bin gespannt, wann Mama merkt, dass Henry vermutlich zu den Leuten gehört, die fragen, wie man eine Paprika schält...
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
