Montag, 17. Dezember. 2012

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Liebes Tagebuch,

ich glaube, es wird schwerer, an die Zwillinge heranzukommen, als ich gedacht hatte.

Beide haben in der Schule so ihre Probleme. Was will man auch erwarten, wenn man zwei Kinder mitten im Schuljahr in eine neue Schule und fremde Familie bringt? Lyara geht in ihrer Klasse regelrecht unter. Ihre Lehrerin ist toll – sie bemüht sich wirklich, sie zu integrieren. Aber Lyara scheint das gar nicht zu wollen. Sie blockt ab. Und wie soll man Freunde finden, wenn man nicht spricht?

Leo hingegen hat sich erstaunlich schnell eingelebt. Wie Nala sagt: „zu gut". Er ist ständig in irgendwelche Streitigkeiten verwickelt und regelmäßig bei Nala oder Frau Schröder im Büro – meistens, wenn es irgendwie um Lyara geht. Ich verstehe ihn einfach nicht. Einerseits tut er alles, um seine Schwester zu beschützen, andererseits ist er selbst oft das Problem. Ich glaube, er schüchtert sie ein. Vielleicht würde sie sprechen, vielleicht sich öffnen, wenn er sie nicht ständig so kleinhalten würde.

Tagebuch, ich habe langsam das Gefühl, dass die beiden ein Geheimnis haben. Eines, das Leo um jeden Preis verbergen will. Und Lyara? Sie scheint es kaum noch auszuhalten. Vielleicht will sie es loswerden – und Leo hat panische Angst davor.

Heute hat Leo wirklich den Bogen überspannt.

Er sollte mit Eleni den Tisch decken. Luana legt großen Wert darauf, dass alle im Haushalt mithelfen. Eleni ist ein Teller heruntergefallen, und Leo hat sie angeschrien:

„Kannst du überhaupt irgendwas richtig machen? Du bist genauso nutzlos wie alle anderen Mädchen auch. Aus dir wird nie was! Nie!"

Eleni ist sofort in Tränen ausgebrochen.

„Sag mal, geht's noch?!", rief Nala, schneller als ich reagieren konnte, und nahm Eleni sofort in den Arm.

„Komm mit", sagte ich zu Leo und zog ihn in mein Zimmer. Lyara stand verloren in der Küche, aber um sie konnte ich mich in dem Moment nicht kümmern.

„Lass mich los!", schrie Leo, doch ich schloss ruhig die Tür hinter uns.

„Du kannst nicht so mit Eleni reden."

„Sie ist doch selbst schuld, wenn sie alles falsch macht!", fauchte er. „Dass sie gleich anfängt zu heulen, ist ja wohl nicht meine Schuld. Im Gegenteil – das beweist doch nur, dass ich recht habe."

„Leonard.Es geht nicht darum, ob du recht hast. Es geht darum, wie du mit ihr sprichst."

Leo verschränkte die Arme und sah mich herausfordernd an.

„Vergiss es. Die ‚Ich-sage-deinen-ganzen-Namen-um-dich-einzuschüchtern'-Masche funktioniert bei mir nicht. Und hör auf, den furchtlosen Helden zu spielen. Du hattest mal Angst vor einem Lehrer, der keiner Fliege was tun konnte."

Woher wusste er das?

Aber... er hatte nicht ganz unrecht.

„Leo, jeder hat seine Geschichte. Seine Vergangenheit – die mehr oder weniger schlimm ist. Eleni und ich sind auch Pflegekinder. Genau wie du und Lyara. Wir sind nicht Luanas leibliche Kinder. Liv, Linus und Nala hatten es da leichter, aber Eleni und ich mussten kämpfen. Und wenn du nicht lernst, Rücksicht zu nehmen, wirst du immer wieder anecken."

„Ich hab's mir nicht ausgesucht, hier zu sein!", schrie er. „Und ich kann nichts dafür, wenn sie so sensibel ist. Sie muss sich eben durchbeißen. Du schaffst es doch auch. Ich auch. Lyara auch."

„Eleni ist stark. Aber anders. Ich bin schon länger hier, ich hatte mehr Zeit. Und es geht mir langsam besser. Meine Mutter ist wieder gesund. Sie hat endlich jemanden gefunden, der ihr nichts Böses will. Es geht aufwärts."

Leo sah mich plötzlich nachdenklich an.

„War sie krank?"

Für einen Moment schimmerte etwas Weiches in seinem Blick auf – dann war es wieder verschwunden.

„Ja. Sie war sehr lange krank. Ich war sieben, als es anfing. Dazu kam ein aggressiver Freund, der uns beide schlug. Ich habe ihre Krankheit fast zwei Jahre lang geheim gehalten. In der Zeit hat er mich fertiggemacht. Aber Leo – jetzt geht es nicht um mich, sondern um Eleni.

Sie kam hierher, als sie sechs war. Hat nicht gesprochen. Niemanden an sich rangelassen. Wenn man ihr zu nahekam, ist sie erstarrt vor Angst. Ihre Eltern waren gewalttätig. Ihre große Schwester Holly hat sie fast alleine großgezogen – bis Holly starb. Ihr Vater war schuld. Seitdem hat Eleni nie mehr jemandem vertraut. Sie hat nicht gelebt – sie hat überlebt. Und zwar jeden einzelnen Tag in Angst. Ihre Eltern haben ihr eingeredet, sie sei wertlos. Dass sie nichts kann. Dass aus ihr nie etwas wird.

Und genau das hast du ihr heute wieder gesagt. Vielleicht war es dir nicht bewusst, aber du hast genau den wunden Punkt getroffen. Eleni kämpft – aber auf ihre Weise. Nur weil das nicht wie deine aussieht, heißt das nicht, dass sie schwach ist."

Leo sah mich an. Seine Fassade bröckelte.

„Das... das wusste ich nicht. Es tut mir leid."

„Sag das Eleni."

Er nickte kaum merklich. Und in seinen Augen lag plötzlich etwas, das ich bei ihm noch nie gesehen hatte: Schmerz. Und Unsicherheit.

„Leo, ich weiß, wie schwer es ist, in einer Pflegefamilie anzukommen. Ich habe auch lange gebraucht, bis ich mich hier wohlgefühlt habe. Und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn alle glauben, sie wüssten, was gut für dich ist – während du das Gefühl hast, niemand versteht dich. Aber manchmal... haben sie wirklich recht. Gib dem Ganzen eine Chance."

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