Liebes Tagebuch,
es ist Freitag und Weihnachten rückt immer näher. Lyara und Leo können es schon seit Tagen kaum noch erwarten. Sie durchstöbern das ganze Haus auf der Suche nach versteckten Geschenken, mussten heute aber feststellen, dass Luana mit dem Einkaufen wohl eher spät dran ist. Sie ist nämlich erst heute gemeinsam mit Toni, den Zwillingen und Eleni losgefahren, um alles zu besorgen.
Ich bin mit Nala zu Hause geblieben. Ich hatte keine Lust, in den vorweihnachtlichen Einkaufsstress einzutauchen, das war jedes Jahr dasselbe Chaos. Und außerdem wäre es sowieso anstrengend geworden, weil Luana die Geschenke ja vor uns allen hätte verstecken müssen, damit niemand merkt, was sie wirklich gekauft hat.
Also hatten wir den Vormittag für uns. Es war ruhig, entspannt, bis gegen elf Uhr plötzlich die Klingel ging.
Nala hatte in ihrem Zimmer Musik gehört und wie immer ihre Kopfhörer auf, also bekam sie nichts davon mit. Ich bin zur Tür gegangen, obwohl ich ganz genau weiß, dass Luana es nicht mag, wenn ich alleine aufmache. Aber wer sollte es schon sein?
Zu meiner Überraschung stand Jonah vor der Tür. Er wirkte nervös, irgendwie gehetzt, und ich wusste sofort: Irgendwas stimmt nicht.
Ich fragte ihn direkt, ob er Mist gebaut hatte. Er fragte, ob Liv hier sei, ich verneinte. Warum sollte sie auch hier sein? Jonah sah verzweifelt aus. Ich bat ihn herein und er ließ sich im Wohnzimmer nieder.
Er sagte nur: „Ich habe Scheiße gebaut."
Ich hakte nach, ob er sich mit Liv gestritten habe?
Er nickte, sagte er suchte sie überall, aber sie war wie vom Erdboden verschluckt. Seine Anrufe ignorierte sie.
Ich sagte ihm, dass Liv sich immer Zeit nahm, wenn sie wütend oder verletzt war. Dass sie nachdachte, bevor sie sprach, schon immer. Und dass es keinen Sinn habe, ihr hinterherzulaufen. Er müsse ihr Zeit geben und sich in der Zwischenzeit überlegen, was er sagen wolle.
Jonah schwieg eine Weile, dann erklärte er, dass sie sich wegen des Babys gestritten hätten. Er fühlte sich überrumpelt. Liv wollte, dass er zu Hause bleibt, damit sie ihr Studium zu Ende bringen könne, aber er glaubte, ein Kind brauche vor allem seine Mutter.
Da mischte ich mich ein. Ich erklärte ihm, dass Liv mir von ihrem Plan erzählt hatte. Sie wollte nur ihr aktuelles Semester zu Ende bringen und dann ein Jahr aussetzen, nur ein paar Wochen nach der Geburt. Es ging ihr darum, einen sauberen Abschluss zu machen, damit sie später leichter wieder einsteigen konnte. Nicht darum, sich zu entziehen.
Jonah sah schuldbewusst aus. Er hatte sie wohl völlig missverstanden.
Ich riet ihm, zu Hause zu warten. Liv würde sich melden, wenn sie bereit war zu reden. Und mit Liv konnte man reden, das wusste er.
Er dankte mir leise, sagte, er hoffe, dass sie bald wiederkomme, und ging
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Wenn ich heute an dieses Gespräch mit Jonah zurückdenke, muss ich schmunzeln und gleichzeitig wird mir bewusst, wie oft sich Konflikte aus Missverständnissen ergeben. Es war ein Streit, der keiner hätte sein müssen, wenn beide vorher innegehalten hätten, um wirklich zuzuhören.
Aber wer lernt das schon? Zuhören ist eine Kunst. Und vor allem: eine Entscheidung. Viel zu oft antworten wir, bevor wir verstehen. Wie oft hat man in einem Gespräch schon mit "Was" geantwortet nur um dann festzustellen das man es bereits verstanden hat? Wir reagieren, statt zu reflektieren. Und dabei verlieren wir Menschen oder verletzen sie, ohne es zu wollen.
Ich war damals erst dreizehn, aber ich kannte Liv. Ich wusste, wie sie tickt, weil ich sie jahrelang beobachtet hatte, in ihren guten wie in ihren schlechten Tagen. Vielleicht war das der Moment, in dem ich begriff: Manchmal braucht es keine Autorität, keinen Titel, keine lange Lebenserfahrung. Manchmal reicht Empathie. Und die Fähigkeit, für jemanden da zu sein, ohne ihn zu drängen.
Es ist nicht die Größe der Worte, die zählt. Sondern die Ruhe, mit der sie gesprochen werden.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
