Montag, 6. Februar. 2012

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Liebes Tagebuch,

Sich Sorgen zu machen heißt, die Wolken von morgen vor die Sonne von heute zu ziehen... Und trotzdem kann ich nicht anders. Ich mache mir große Sorgen um Eleni.

Heute Morgen wurde sie von Sophie zum ersten Treffen mit ihrer Mutter abgeholt – das erste, seit sie hier ist. Schon bevor sie losfuhren, war Eleni völlig neben sich. Ihre Augen waren glasig, ihr Blick leer, als hätte sie sich innerlich längst von allem abgekoppelt. Ich spürte dieses ungute Gefühl im Bauch, Tagebuch. Das gleiche Gefühl, das ich früher immer hatte, wenn ich Mama stumm im Schlafzimmer liegen sah. Es ist das Gefühl der Ohnmacht. Ich sehe, wie jemand leidet – und kann nichts tun.

Ich fühle mich wie eine Ameise unter Elefanten. Die, die etwas tun könnten – nämlich die Erwachsenen – handeln nicht und ich, die handeln möchte, kann es nicht.

Warum können Erwachsene nicht einfach auf ihr Bauchgefühl hören? Ich bin mir sicher, dass auch Sophie und Luana sehen, wie unwohl Eleni sich fühlt. Wie angespannt sie ist, wie sehr sie sich innerlich zurückzieht. Aber stattdessen klammern sie sich an Paragraphen und Vorschriften. Das Gesetz sagt, ein Kind hat das Recht auf Mutter und Vater – und die Eltern das Recht und die Pflicht zur Erziehung. Aber wer hört dem Kind zu? Wer fragt wirklich, was es möchte?

Sophie hat früher immer gesagt, ein Kind habe das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Aber warum gilt das nicht auch für Eleni? Warum reicht es nicht, wenn ein Kind weint, weil es zu seiner Mutter soll – und diese Tränen nichts mit Freude zu tun haben? Warum müssen Erwachsene immer einen schriftlichen Beweis haben, einen Polizeibericht, eine Diagnose, ein Protokoll? Ist Elenis Angst nichts wert, nur weil sie nicht schwarz auf weiß steht?

Ich habe vorhin mit Sophie darüber gesprochen. Sie meinte, solange nichts bewiesen sei, könne man nichts tun. Ihre Stimme war ruhig, aber ihre Worte trafen mich wie ein Schlag.

Luana sagte später, ich solle mir nicht so viele Gedanken machen. Sophie sei die ganze Zeit bei Eleni und es könne nichts passieren. Vielleicht könne ihre Mutter ihr nichts antun, wenn jemand dabei ist – aber etwas passieren kann trotzdem. Manchmal reicht ein einziger Blick, ein falsches Wort, um etwas in Bewegung zu setzen, das man später nicht mehr aufhalten kann. Was, wenn Eleni danach wieder wochenlang schweigt? Wenn sie sich zurückzieht, wieder Mauern aufbaut, die niemand durchdringen kann? Sie war endlich angekommen, Tagebuch. Und ich weiß, wie lange das gedauert hat.

Ich wollte ihr helfen – aber heute konnte ich es nicht. Heute war ich wieder nur Zuschauerin.

Tagebuch, ich bin es wieder.

Eleni ist zurück. Es ging plötzlich alles so schnell – kaum eine Stunde war vergangen, da stand sie wieder im Flur. Ich hatte nicht damit gerechnet. Sie weinte, sagte kein Wort, rannte direkt in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich ab. Niemand darf zu ihr – nicht einmal ich.

Ich war wütend. So wütend wie lange nicht. Ich bin zu Sophie gerannt und habe sie angeschrien. Ich wollte wissen, warum sie Eleni das angetan hat, warum sie sie zu ihrer Mutter gebracht hat, obwohl sie so deutlich gezeigt hat, dass sie das nicht will. Ich sagte ihr, dass sie schuld sei, wenn es Eleni jetzt wieder schlechter gehe.

Sophie blieb ruhig. Wie immer. Ihre Stimme war fest, aber nicht kalt.

Sie sagte, dass sie Eleni gar nicht zur Mutter gebracht habe. Auf dem Weg dorthin habe Eleni plötzlich gesagt, dass sie mit der Polizei sprechen wolle. Und das habe sie getan. Nicht viel, sagte Sophie. Aber genug.

Genug, um das Umgangsrecht ihrer Mutter vorerst auszusetzen.

Tagebuch, kannst du das glauben? Eleni hat gesprochen. Eleni – die immer schwieg, wenn es um ihre Vergangenheit ging. Eleni – die jedes Gespräch über früher sofort abbrach. Sie war heute mutig. So mutig. Sie hat ihre größte Angst überwunden. Und das bedeutet auch: Ihre Angst vor der Mutter war größer als die Angst, über das Geschehene zu sprechen.

Das macht mich stolz. Und gleichzeitig macht es mich unendlich traurig.

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