Liebes Tagebuch,
ich bin sauer auf Luana – aber dieses Mal wirklich. Ich hatte mich gerade wieder halbwegs eingelebt, die Schule hatte begonnen, und es fühlte sich sogar ein bisschen wie Alltag an. Heute, am Freitag, fragte ich Luana, ob ich Mama besuchen darf. Sophie hatte zwar gesagt, dass Mama das Sorgerecht nicht zurückbekommen würde, aber ein Besuch – das sollte doch trotzdem möglich sein.
Luana meinte, sie könne das nicht allein entscheiden. Aber ich glaube ihr das nicht. Natürlich könnte sie es, wenn sie wollte. Sie sagte, sie müsse erst Paulina kontaktieren und herausfinden, ob Mama überhaupt bereit dazu sei. Außerdem sei es im Moment besser für mich, wenn erstmal etwas Abstand herrsche. Sophie habe da übrigens auch noch ein Wörtchen mitzureden.
Das kam mir alles wie eine Ausrede vor. Schließlich war es doch Luana gewesen, die mich immer wieder dazu gedrängt hatte, Mama zu sehen – auch als ich selbst das noch gar nicht wollte. Und jetzt, wo ich es von mir aus wollte, blockte sie alles ab. Ich wurde laut, warf ihr vor, sie sei unfair. Damals habe sie doch auch gewollt, dass ich zu Mama gehe, obwohl ich nicht wollte – und nun das Gegenteil. Ich verstand die Welt nicht mehr.
Luana erklärte, dass es nicht darum gehe, mir etwas zu verbieten. Aber ich fühlte mich genau so – verboten, kontrolliert, entmündigt. Ich schrie sie an, dass sie mir das nicht verbieten könne, doch sie blieb ruhig und sagte, dass sie es sehr wohl könne.
In dem Moment hielt ich es nicht mehr aus. Ich schrie, dass sie gemein sei, und rannte aus dem Haus. Draußen hörte ich Elenis Stimme. Sie rief nach mir, bat mich, nicht wegzugehen und sie nicht allein zu lassen. Ich versicherte ihr, dass ich nur zu Liv wollte und bat sie, Luana nichts zu sagen. Dann lief ich weiter.
Bei Livs Wohnung angekommen, klingelte ich – aber niemand öffnete. Ich setzte mich mit meinem Rucksack in den Flur. Ich hatte nur schnell eine Flasche Wasser und dich, liebes Tagebuch, eingesteckt. Ich konnte und wollte Luana gerade nicht mehr sehen. Alles war so unfair. Sie durfte mir nicht verbieten, Mama zu sehen – oder doch?
Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Ich wurde wach, als ich Schritte hörte – Jonah kam vom Einkaufen zurück. Er war überrascht, mich dort zu sehen. Ich sagte nur, dass ich mit Liv sprechen wollte, und er ließ mich in die Wohnung.
Er hatte mitbekommen, dass ich weggelaufen war. Luana hatte ihn bereits angerufen. Anscheinend war sie sehr besorgt gewesen. Eleni hatte ihr doch erzählt, wohin ich wollte – natürlich. Jonah war zwar etwas streng, aber nicht böse. Er sagte, er sei kein Fan davon, wenn man die Schule schwänzt, aber heute sei das wohl eine Ausnahme. Besser so, als dass man mich zwei Tage lang suchen müsste.
Tagebuch, ich denke die ganze Zeit an heute zurück.
Er hat mir etwas zu essen gemacht, und ich habe gewartet. Gewartet, dass Liv endlich nach Hause kommt. Es war schon nach fünf, als sie endlich da war. Sie sah müde aus, Tagebuch. Jonah hat sie begrüßt, und ihr Blick fiel sofort auf mich.
„Marlene, was machst du denn hier?", war das Erste, was sie sagte.
Ich kann mich genau erinnern, wie das Gespräch lief – als würde es noch in meinem Kopf weiterlaufen, auch jetzt, während ich dir schreibe.
„Sie ist schon den ganzen Tag hier und wartet auf dich", sagte Jonah. „Sie ist wohl weggelaufen, aber mehr weiß ich auch nicht. Ich lass euch mal allein. Ich glaub, das wird ein Mädelsgespräch, da misch ich mich besser nicht ein."
Dann ging er raus, und Liv setzte sich zu mir aufs Sofa.
Ganz nah.
„Marlene, was ist denn los?", fragte sie mich und sah mich dabei ganz ruhig an.
„Ich hab mich mit Luana gestritten", habe ich gesagt.
„Und warum?", fragte sie weiter.
„Sie verbietet mir, Mama zu sehen. Ich wollte sie besuchen."
Meine Stimme war leise. Fast flüsternd.
Liv atmete tief ein.
„Marlene, das liegt nicht nur an Mama. Das war eine schwere Entscheidung, die deine Mama da getroffen hat. Ihr müsst beide erstmal lernen, damit klarzukommen. Deine Mama ist noch nicht ganz gesund. Es kann jeden Moment sein, dass sie wieder einen Rückfall bekommt. Deshalb muss erstmal geguckt werden, ob sie dich schon wieder sehen kann – ohne dass es für euch beide schwer wird."
Ich schwieg.
Liv sprach weiter:
„Mama will dich nicht ärgern. Im Gegenteil. Sie möchte, dass du irgendwann gute Erinnerungen an sie hast. Nicht nur die an die schlimme Zeit, als sie krank war."
„Ich vermisse sie so, Liv. Ich verstehe nicht, warum sie mich weggeschickt hat", habe ich ganz leise gesagt.
Liv hat mich ganz sanft angesehen.
Dann sagte sie:
„Deine Mama liebt dich wirklich, Marlene. Sehr sogar. Für eine Mama ist es das Schlimmste, wenn sie ihr Kind verliert oder es abgeben muss. Aber sie wollte dich nicht kaputtgehen sehen. Sie wusste, wie schlecht es dir ging, als du bei ihr warst. Und sie hatte Angst, dass das wieder passiert."
Ich hab sie angeschaut. Ich glaube, ich hab es ein bisschen verstanden.
Aber nicht ganz.
„Das war eine ganz schwere Entscheidung für sie. Wenn sie nur an sich gedacht hätte, wärst du jetzt noch bei ihr. Aber sie hat an dich gedacht. Sie hat dich losgelassen – für dich. Das ist eigentlich das Mutigste, was eine Mama tun kann", sagte Liv.
Dann nahm sie mich in den Arm.
„Ich fahr dich gleich nach Hause, okay? Die anderen warten bestimmt schon auf dich."
Ich habe nur genickt.
Und trotzdem, Tagebuch...
So richtig verstehen kann ich es nicht.
Vielleicht bin ich einfach noch zu klein dafür.
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Damals habe ich es nicht verstanden. Nicht wirklich. Ich fühlte mich zurückgelassen, weggeschoben, ungeliebt – obwohl alle sagten, es sei ein Zeichen von Liebe gewesen.
Heute weiß ich: Es war eins.
Meine Mutter hat mich nicht aufgegeben. Sie hat mich geschützt. Auf eine Weise, die ich als Kind nicht greifen konnte. Sie hat eine Entscheidung getroffen, die sie innerlich zerrissen haben muss – und trotzdem hat sie sie getroffen. Für mich.
Ich wollte gesehen werden. Und gehört. Ich wollte wissen, dass ich zähle. Dass meine Angst echt war und nicht einfach weggelächelt werden sollte.
Liv hat mir damals Worte gegeben, für die ich erst Jahre später die Bedeutung fand. Und vielleicht hat meine Mama das, was sie nicht mehr sagen konnte, durch diese Entscheidung gezeigt: Dass sie mich genug liebte, um mir ein Leben zu ermöglichen, das sie selbst nicht halten konnte.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Ficção GeralDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
