Freitag, 20. Mai. 2011

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Liebes Tagebuch,

ich glaube, Eleni ist sauer auf mich. Und ich bin sauer auf Luana.

In letzter Zeit ist Eleni viel offener geworden. Sie spricht jetzt mehr und hat sogar hin und wieder ein paar Worte mit Luana gewechselt. Doch jedes Mal, wenn Luana versucht hat, etwas über Elenis Vergangenheit herauszufinden, hat Eleni sich zurückgezogen – wie eine Schnecke, die sich in ihr Haus verkriecht, wenn sie Gefahr wittert.

Seit ein paar Tagen hat Luana versucht, mich dazu zu bringen, mit Eleni über ihre Vergangenheit zu sprechen. Sie meinte, es sei wichtig, dass wir wissen, was ihr passiert ist. Ich war mir unsicher, Tagebuch. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es Zeit braucht, um über bestimmte Dinge zu reden. Manches will man vielleicht auch gar nicht erzählen. Aber ich habe auch gelernt, dass man nicht alles in sich hineinfressen darf. Irgendwann wird es zu viel.

Also habe ich mich mit Eleni zusammengesetzt. Ich habe ihr von mir erzählt. Davon, dass ich hier bin, weil Mama krank ist. Dass sie Depressionen hat – eine Krankheit, bei der es im Inneren regnet. Ich habe versucht, es ihr so zu erklären, dass sie es versteht. Dass dieser Regen alles schwer macht: das Aufstehen, das Lächeln, das Leben. Dass Mama an manchen Tagen einfach nicht da war – nicht richtig. Und dass ich das sehr lange geheim gehalten habe. Zwei Jahre lang.

Eleni war ganz still. Dann sagte sie, dass es ihr leidtut, dass sie am Anfang so abweisend zu mir war. Sie meinte, dass es ihr einfach schwerfällt, anderen zu vertrauen. Und das verstehe ich, Tagebuch. Denn ich weiß, dass jedes Verhalten einen Grund hat. Auch ich war am Anfang misstrauisch, gerade bei Linus und Toni. Bei fremden Menschen bin ich es immer noch. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich werde es nie ganz los.

Dann hat Eleni angefangen zu erzählen. Ganz leise, fast flüsternd. Von Holly, ihrer großen Schwester. Dass sie sich immer zusammen eine Höhle im Zimmer gebaut haben und die Tür abgeschlossen haben, um sich vor dem Schreien ihrer Eltern zu schützen. Dass Holly immer versucht hat, sie zu beschützen, aber sich selbst dabei hilflos gefühlt hat.

Sie erzählte von einem Loch in ihrer Zimmertür, das ihr Vater aus Wut hineingeschlagen hatte. Von dunklen Kellerräumen, in die sie eingesperrt wurde. Von der Angst vor der Dunkelheit und vor geschlossenen Räumen, die sie bis heute nicht loslässt. Dass ihre Eltern sie abwechselnd einsperrten oder schlugen und dass Holly versuchte, sie zu retten.

Ich habe gefragt, ob ihre Eltern auch getrunken haben, so wie Felix. Aber Eleni sagte nur: Drogen. Ich weiß nicht viel über Drogen, Tagebuch. Nur das, was sie erzählt hat: dass es Pulver oder Tabletten waren, die ihre Eltern verändert haben. Dass sie süchtig wurden und lauter fremde Leute zu ihnen nach Hause kamen. Leute, die Geld gaben und Angst machten.

Dann erzählte sie vom Tag, an dem alles zerbrach. Holly hatte geplant, mit einem Freund abzuhauen, Eleni sollte mitkommen. Sie hatten das Auto schon gesehen, es fuhr auf der Straße. Und dann tauchte plötzlich ihr Vater auf. Der Mann am Steuer wollte ausweichen und fuhr gegen einen Baum. Holly starb. Sie war fast erwachsen, beinahe raus aus allem. Aber sie wollte Eleni nicht zurücklassen. Sie hat mit ihrem Leben bezahlt.

Elenis Vater ist ein Mörder, Tagebuch. So wie mein Vater. Nur weiß es niemand.

Oder... das dachte ich.

Denn plötzlich ging die Tür auf. Ich drehte mich um – Luana und Paulina standen da. Sie hatten alles mitgehört. Alles. Dieses Gespräch war nicht für ihre Ohren bestimmt. Es war nicht fair. Es war nicht richtig.

Jetzt denkt Eleni, ich hätte das geplant. Dass ich sie absichtlich reden ließ, damit die anderen zuhören konnten. Sie glaubt mir nicht, dass ich nichts davon wusste. Und jetzt will sie nichts mehr mit mir zu tun haben.

Tagebuch, ich bin so enttäuscht. Von Luana. So sehr. Sie hätte wissen müssen, wie viel Vertrauen es Eleni gekostet hat, das alles auszusprechen. Und jetzt ist es kaputt. Einfach so.

Ich hoffe, ich kann es wieder gut machen. Aber gerade... weiß ich nicht wie.


Tagebuch ich bin sauer auf Luana das geht zu weit!



Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt