Liebes Tagebuch,
ich habe schlimme Kopfschmerzen...
Der Tag war grauenhaft.
Dabei hatte er so gut angefangen.
Als ich aufgestanden bin, lag eine Frühstücksdose auf dem Tisch – mit einem Zettel darauf.
„Guten Morgen, Schatz. Ich habe dir Frühstück gemacht, weil ich kurz wach war. Hab dich lieb. Mama."
Das hat mich so glücklich gemacht.
Mama war in den letzten zwei Wochen kaum aufgestanden.
In der Schule gab es dann den üblichen Trubel.
Den üblichen Ärger mit den anderen.
Es macht mich traurig, dass sie alle so gemein zu mir sind, selbst die, die vor ein paar Monaten noch meine besten Freunde waren,
reden jetzt kein Wort mehr mit mir.
Jeden Morgen ist es für mich ein Kampf, aufzustehen.
Ich wache mit Bauchschmerzen auf, nur bei dem Gedanken an Schule.
Dort fühle ich mich nicht mehr wohl.
Aber zu Hause, neben Felix, fühle ich mich auch nicht sicher.
Ich weiß nicht mehr, wo ich hingehöre.
Trotzdem schleppe ich mich jeden Tag aus dem Bett, weil ich nicht wie Mama werden will.
Bei mir darf es nicht auch noch regnen,
auch wenn schon dunkle Wolken aufziehen.
Außerdem muss ich mich um Mama kümmern!
Liebes Tagebuch, ich hasse meine Klassenlehrerin.
Heute hat sie mich vor der ganzen Klasse lächerlich gemacht.
Sie hat an meinem Beispiel erklärt,
wie die anderen nie werden sollen:
Dumm.
Faul.
Verwahrlost.
Dann forderte sie die anderen Kinder auf, mir zu sagen,was ich falsch mache.
Und hielt mir einen Vortrag darüber, was mit mir passieren wird, wenn ich mir nicht endlich wieder Mühe gebe.
„Du wirst auf der Straße landen. Ohne Job. Ohne Geld. Ohne Abschluss.
Du wirst der Abschaum sein, den niemand leiden kann.
Eine, die den arbeitenden Leuten das Geld aus der Tasche zieht.
Eine, die stiehlt. Die im Gefängnis landet."
Ich durfte nichts sagen.
Sie ließ mich nicht zu Wort kommen.
Ich musste alles über mich ergehen lassen.
Ich war fertig.
Das war nicht fair.
Ich würde alles ändern, wenn ich könnte.
Aber ich kann nicht.
Danach hat mich die Klasse beschimpft.
Sie haben mich mit Sachen beworfen.
Und die Lehrerin hat nur zugesehen.
Gar nichts gesagt.
Ich habe es nicht mehr ausgehalten.
Ich bin aus der Schule gerannt.
Zu Hause hat mir Felix aufgelauert.
Er hat mich angeschrien,warum ich so früh zu Hause bin, und mir eine heftige Ohrfeige gegeben.
Ich habe mich weinend in meinem Zimmer eingeschlossen.
Jetzt habe ich Kopfschmerzen.
Ich bin müde.
Und ich kann einfach nicht mehr.
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Bis heute hasse ich diese Lehrerin.
Ich verstehe nicht, wie sie so sein konnte.
Sie hatte doch gesehen, dass es mir schlecht ging.
Sie war die Einzige, die es wirklich bemerkt hatte, und anstatt mir zu helfen, hat sie mich fertiggemacht.
Acht Jahre alt war ich.
Wie kann man so mit einem Kind umgehen?
Ich stand vor ihrer Tür.
Heute.
Ich hatte mich das schon immer gefragt:
Was hatte sie gegen mich?
Sie öffnete.
Sie war alt geworden.
Gebrechlich.
Viel kleiner und zerbrechlicher, als ich sie in Erinnerung hatte.
„Was willst du?", fragte sie.
„Antworten", sagte ich leise. „Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?"
„Sollte ich? So wichtig bist du sicher nicht."
Sie war immer noch so wie damals.
„Marlene König. Sagt Ihnen das etwas?"
„Na sicher. Das kleine faule Mädchen, aus dem nie etwas werden konnte.
Was willst du? Geld? Ich habe dir damals schon gesagt, dass du nichts erreichen wirst.
Bist du hier, um mir zu sagen, dass ich recht hatte?"
„Nein. Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass Sie unrecht hatten.
Ich habe mein Abitur gemacht. Ich habe mich an einer Uni beworben.
Ich bin hier, um zu wissen, warum Sie mich so behandelt haben.
Ich war acht. Und Sie haben dafür gesorgt,
dass mich alle gehasst haben.
Dass alle mich geärgert haben."
„Man sieht bei Kindern schnell, was aus ihnen wird.
Und oft hilft es ihnen, wenn sie nie mehr erwarten, als sie erreichen können."
„Merken Sie, was Sie da sagen?"
„Ach Marlene. Du warst mal so eine gute Schülerin.
Deine Mutter hat immer dafür gesorgt, dass du lernst.
Ich hatte Erwartungen an dich.
Und denen bist du plötzlich nicht mehr gerecht geworden."
„Aber haben Sie mal gefragt, warum?
Sie hätten mir helfen können!
Sie waren die Einzige, die es gesehen hat!"
„Sehe ich aus wie eine Seelsorgerin?"
„Meine Mutter war mal Ihre beste Freundin.
Warum, verstehe ich bis heute nicht.
Sie sind herzlos.
Haben Sie sich nie gefragt, warum Mama plötzlich nicht mehr da war?
Ich sage es Ihnen:
Mama war schwer depressiv.
Sie lag tagelang im Bett.
Mein Vater war im Gefängnis.
Und der neue Mann war ein alkoholkranker Schläger."
„Ich habe mit acht Jahren für meine Mutter gekocht!
Und Sie haben mein Leben zur Hölle gemacht.
Ich konnte nicht mehr – und Sie haben weitergetreten.
Selbst als ich geweint habe.
Sie haben die ganze Klasse gegen mich aufgehetzt."
„Ich wollte nur sagen, dass Sie einen entscheidenden Anteil daran haben,
dass ich niemals positiv auf meine Kindheit zurückblicken kann.
Denken Sie darüber nach,
bevor Sie das nächste Mal mit einem Kind reden."
Ich drehte mich um und ging.
Ich weiß nicht, wie sie reagiert hat.
Es war mir auch egal.
Aber es tat gut, es gesagt zu haben.
Endlich.
Ich hatte den Frust loswerden können,
den ich seit meiner Kindheit mit mir herumgetragen hatte.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
