Mittwoch, 11. März. 2015

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Liebes Tagebuch,

die Zeit vergeht wie im Flug. Dieses Jahr werde ich fünfzehn. Fast sechs Jahre lebe ich jetzt schon bei Luana und ihrer Familie.

Nach ihrem letzten, ziemlich chaotischen Besuch ist Mama zum Glück nie wieder in dieser Form hier aufgetaucht. Henry hat mir erzählt, dass es ihr danach für eine kurze Zeit nicht besonders gut ging. Ich hatte insgeheim schon mit einem Rückfall gerechnet, aber er blieb aus. Mama hat sich gefangen. Die Depression hat nicht mehr die Kontrolle über ihr Leben, sondern sie selbst. Endlich.

Wir haben vor Kurzem wieder miteinander gesprochen. Sie versucht sich immer wieder bei mir zu entschuldigen. Dafür, dass es mit uns beiden nicht geklappt hat. Aber ich bin ihr nicht mehr böse. Ich habe hier eine Familie gefunden, in der ich mich wirklich wohlfühle. Drei große Geschwister. Drei kleine. Und vor allem einen Zusammenhalt, der trägt. Wenn ich bei Mama geblieben wäre, wäre mein Weg vermutlich ein anderer gewesen, einer mit mehr Dunkelheit, mit mehr Wut, vielleicht sogar mit der Polizei. Aber ich habe rechtzeitig Hilfe bekommen. Und dafür bin ich dankbar.

Aber eigentlich wollte ich dir von etwas ganz anderem erzählen.

Als ich heute Nachmittag von der Schule nach Hause kam, stand sie wieder da. Diese Frau. Ich hatte sie in den letzten Wochen immer wieder vor unserem Haus gesehen. Anfangs dachte ich, es sei Zufall. Doch irgendwann wurde es zu oft, zu auffällig. Heute habe ich mich entschlossen, sie anzusprechen.

Ich ging zur Tür und fragte, ob ich ihr helfen könne.

Sie sah mich lange an, dann fragte sie: „Kommt darauf an, wer du bist."

Ich sagte, dass ich Marlene König heiße und hier wohne.

„Ich bin wegen Leonard und Lyara hier," sagte sie und ich wusste sofort, wer sie war. Ihre Mutter.

Sie wollte gerade an mir vorbei ins Haus, aber ich schloss die Tür wieder.

Ich erklärte ihr ruhig, dass es so nicht geht. Dass man nicht einfach verschwinden und zwei Jahre lang nichts von sich hören lassen kann und dann auftaucht und seine Kinder einfach zurückfordert.

Ich sagte ihr, dass sie sich ans Jugendamt wenden müsse, dass geprüft werden müsse, ob sie sich überhaupt um die Kinder kümmern könne. Dass sie sich grundlegend geändert haben müsse, denn Kinder schlagen gehört nicht zu einer liebevollen Erziehung.

Sie wurde wütend. Laut. Beschimpfte mich. Sagte, ich hätte kein Recht, ihre Kinder von ihr fernzuhalten.

Ich blieb stehen. Sagte nichts mehr. Was hätte ich auch sagen sollen?

Dann kam Liv. Gemeinsam mit Jonah und ihrem Sohn. Als sie fragte, was los sei, erklärte ich es ihr. Dass die Frau vor uns die Mutter von Leo und Lyara war und dass sie glaube, einfach alles rückgängig machen zu können.

Ich bat Eleni, Luana zu holen.

Liv versuchte, die Situation zu beruhigen, aber die Frau schrie weiter. Erst als Luana kam, wurde es etwas ruhiger. Luana stellte sich vor, sagte, dass sie aktuell das Sorgerecht habe. Und dass es offizielle Wege gebe, die gegangen werden müssten. Dass die Mutter sich beim Jugendamt melden solle. Dass geprüft werde, ob sie wieder ein Besuchsrecht bekomme. Und dass es nur so funktioniere. Nicht anders.

Die Frau ging. Wütend. Beleidigt. Und ganz sicher nicht einsichtig.

Als sie weg war, fragte Liv leise, ob wir wirklich glaubten, dass sie das Sorgerecht zurückbekäme. Luana sagte, das könne nur das Jugendamt entscheiden. Und wenn sie es für richtig hielten, dürften wir uns nicht einmischen.

Doch dann erzählte Liv noch etwas, das sie mitgehört hatte. Dass die Frau im Flur gesagt habe, sie habe plötzlich erfahren, dass ihr Ex-Mann tot sei, dass ihre Tochter, die jahrelang nicht sprach, wieder rede und dass beide Kinder durch ihre Musik inzwischen bekannt seien. Sie hätte gesagt, das seien endlich die Kinder, die sie sich gewünscht habe: stark, erfolgreich, sichtbar. Nicht mehr die mit dem „Dachschaden", wie sie es ausgedrückt habe.

Das hat mich getroffen, Tagebuch.

Ich glaube nicht, dass sie zurückgekommen ist, weil sie ihre Kinder vermisst hat. Ich glaube, sie ist zurückgekommen, weil sie plötzlich gesehen hat, was aus ihnen geworden ist. Weil sie spürt, dass sie etwas verpasst hat und das jetzt zurückhaben will. Vielleicht ist ihre neue Beziehung zerbrochen. Vielleicht steht sie wieder mit nichts da. Vielleicht sucht sie in Leo und Lyara nicht nach Kindern, sondern nach Bestätigung.

Aber das Leben ist kein Rückspulknopf.

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Damals habe ich noch geglaubt, man könne Menschen erklären, warum ihr Verhalten falsch ist. Dass sie es einsehen würden, wenn man ihnen ruhig die Wahrheit sagt. Heute weiß ich: Wer seine Kinder verletzt und verlässt, muss nicht nur um Vergebung bitten, sondern auch Verantwortung übernehmen.

Manchmal kommen Menschen nicht zurück, weil sie Reue empfinden. Sondern weil sie sehen, was ihnen entgangen ist. Sie wollen teilhaben an dem, was sie nicht mit aufgebaut haben.

Aber ein Zuhause ist mehr als Biologie. Eine Familie ist mehr als Blutsbande. Es sind die, die bleiben. Die zuhören. Die schützen, wenn andere gegangen sind. Leo und Lyara haben ihren Weg gemacht, weil sie gesehen wurden. Nicht, weil jemand sie „zurückhaben" wollte.

Ich habe damals die Tür verschlossen. Und ich glaube, das war richtig so.

Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt