Montag, 14. Januar. 2013

58 18 6
                                        

Liebes Tagebuch,

es ist schon spät, und obwohl ich es versuche, kann ich nicht schlafen. Heute in der Schule gab es wieder Ärger, und leider war Leo erneut beteiligt. Doch diesmal war er nicht schuld an dem Streit.

Während der Pause sprach ich mit Karla, die mir aufgeregt von ihrem gewonnenen Turnwettbewerb am Wochenende erzählte. Ich gab mir Mühe, ihr zuzuhören, aber gleichzeitig behielt ich Eleni, Lyara und Leo im Blick, wie ich es immer tue. Karla bemerkte, dass ich unaufmerksam war und regte sich auf. Sie hat recht, sie hört mir immer zu, wenn ich jemanden brauche und ich wollte eigentlich auch für sie da sein.

Plötzlich bemerkte ich, wie Leo mit einem Jungen aus seiner Klasse am Boden rang. Nicht schon wieder, dachte ich. Ich verstand nicht, warum Leo sich ständig in Situationen brachte, die nur Ärger bedeuteten. Ich suchte Nala, um Hilfe zu holen. Sie kam sofort und trennte die beiden.

Die Situation eskalierte, als der andere Junge Leo laut und absichtlich verletzend beleidigte. Er verspottete ihn, sprach über den Tod seines Vaters und behauptete, Leo sei daran schuld. Diese Worte waren grausam. Der Junge sagte sogar, Leo hätte das Leben seines Vaters zerstört und es wäre besser, wenn er gar nicht existieren würde.

Leo versuchte, stark zu bleiben, aber als die Worte immer schmerzhafter wurden, rannte er weinend vom Schulhof.

Es war, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich spürte förmlich, wie tief diese Worte Leo trafen. Ich erinnerte mich daran, wie ich mir früher die Schuld an Mamas Krankheit gegeben hatte. Aber Leo hatte so etwas noch nie laut gesagt. Und jetzt sagte es jemand anderes, vor allen, laut, brutal, absichtlich.

Ich rannte ihm hinterher, doch ich konnte ihn nicht finden. Ich kehrte zur Schule zurück und informierte Nala. Sie war wütend und brachte den anderen Jungen zu Frau Schröder. Dann bat sie mich, Luana anzurufen und ihr zu sagen, dass Leo weggelaufen sei. Vielleicht war er auf dem Weg nach Hause.

Luana erklärte mir, dass Toni sofort aufbrechen würde, um nach Leo zu suchen, solange er noch in der Nähe war. Nala blieb mit dem Jungen bei Frau Schröder, während ich versuchte, irgendwie ruhig zu bleiben. Ich hoffte, Leo würde spätestens zum Schulschluss wieder auftauchen. Aber er kam nicht.

Als wir nach Hause kamen, lag ein Zettel auf dem Küchentisch. „Leo ist noch nicht zurück. Toni und ich suchen ihn. Liv kommt gleich vorbei, um bei Eleni und Lyara zu bleiben. Ihr könnt dann mithelfen, ihn zu suchen."

Nala rief Luana noch einmal an. Sie sagte, es gebe immer noch keine Spur, und wenn Leo bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht gefunden sei, würde sie die Polizei informieren.

Lyara hatte längst bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Sie sagte nichts, aber ihre Angst war deutlich spürbar. Als Nala ihr erklärte, dass Leo weggelaufen war, zeigte sie eine Unruhe, wie ich sie noch nie bei ihr gesehen hatte. Ich fragte sie, ob sie sich vorstellen konnte, wohin Leo gegangen war, aber sie schüttelte nur den Kopf.

Ich habe das Gefühl, dass Lyara mehr weiß, als sie zugeben möchte. Sie verbrachte den gesamten Nachmittag am Fenster im Wohnzimmer und starrte auf die Straße hinaus. Als es dunkel wurde, war Leo immer noch nicht zurück. Liv versuchte, Lyara abzulenken, aber es war zwecklos.

Als Luana und Toni am späten Abend zurückkamen, stand Lyara immer noch am Fenster. Erst nach langem Zureden ließ sie sich von Luana ins Bett bringen. Doch ich weiß, dass sie genauso wenig schlafen wird wie ich.

Ich sehe gerade das schwache Licht einer Taschenlampe von Lyaras Zimmer über die Straße wandern. Sie steht wieder am Fenster. Ich glaube, sie wartet. Ich hoffe so sehr, dass Leo bald zurückkommt. Es ist Januar, die Nächte sind eisig. Bitte, liebes Tagebuch, lass ihn nichts Dummes tun. Lass ihn sicher wieder nach Hause kommen.

________________________

Wenn ich heute zurückblicke, verstehe ich Leo besser, als ich es damals konnte. Ich habe sein Weglaufen nicht nur beobachtet , ich habe es gefühlt. Weil ich selbst früher immer wieder weggelaufen bin. Nicht körperlich, aber innerlich. Ich habe mich zurückgezogen, Mauern hochgezogen, meine Gedanken weggeschlossen. Ich habe so getan, als wäre ich stark, obwohl ich innerlich am Zerbrechen war.

Weglaufen ist manchmal der einzige Ausweg, den man als Kind sieht, wenn die Situation zu groß wird. Wenn der Schmerz überwältigt, wenn die Worte zu laut sind und man sich nicht mehr schützen kann. Dann läuft man, vor der Schule, vor Menschen, vor dem eigenen Leben. Weil alles andere sich unerträglicher anfühlt.

Leo hat im stillen gefleht: Lasst mich in Ruhe. Ich kann das gerade nicht. Während die Worte seines Mitschülers unaufhaltsam auf ihn einprasselten. Es war keine Entscheidung, es war ein Reflex. Er wollte nicht weglaufen,er wollte nur irgendwo sein, wo es nicht mehr so weh tut. Einfach nur dem Moment entfliehen.

Heute, als Erwachsene, weiß ich, dass das Weglaufen nichts löst. Aber ich weiß auch, dass es manchmal überlebenswichtig ist. Dass es in dem Moment die einzige Möglichkeit ist, nicht innerlich zu zerbrechen.

Was Kinder wie Leo damals brauchen, ist kein Vorwurf, kein „Warum bist du nicht geblieben?" Sie brauchen jemanden, der sagt: „Ich verstehe, warum du gegangen bist. Und ich bin froh, dass du wieder da bist."

Vielleicht war das der größte Unterschied zu früher. Ich war allein, wenn ich innerlich weglief. Leo war es nicht. Als er körperlich weglief, waren Menschen da, die ihn suchten. Und das, Tagebuch, ist manchmal alles, was zählt: Dass jemand sucht.


Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt