Liebes Tagebuch,
Die Zeit vergeht, und die letzten Monate waren wirklich schön. Ich konnte Mama regelmäßig sehen und habe viel Zeit mit Eleni verbracht. Es waren einfach sorgenfreie Wochen, die ich sehr genossen habe. Kannst du dir vorstellen, wie es ist, sich um nichts sorgen zu müssen? Es fühlt sich so gut an. So schön. So erleichternd.
Heute kam Sophie zu uns. Ich hatte sofort ein ungutes Gefühl, denn sie war schon lange nicht mehr hier gewesen. Und sie kommt eigentlich nur, wenn es Probleme gibt, jemand sich nicht eingelebt hat – oder wenn es Neuigkeiten gibt. Also musste irgendetwas im Busch sein.
Natürlich habe ich versucht zu lauschen. Ich hörte gerade noch, dass es irgendwas mit Eleni zu tun hatte, bevor Toni mich beim Lauschen erwischte. Kannst du dir das vorstellen, Tagebuch? Dass ich beim Lauschen erwischt werde? Früher dachte ich, Lauschen sei meine geheime Superkraft – nie wurde ich entdeckt. Vielleicht bin ich aus der Übung. Oder ich hatte früher einfach mehr Glück.
Ich entscheide mich lieber für die zweite Variante.
In letzter Zeit habe ich viel Zeit mit Toni verbracht. Liv meinte mal, dass er sich nicht zu sehr auf Pflegekinder einlassen will, weil es ihm zu schwer fällt, sich später wieder zu trennen. Aber bei mir steht fest, dass ich bleibe. Und bei Eleni – so dachte ich zumindest – war es auch sehr unwahrscheinlich, dass sie zurück in ihre Familie muss.
Statt herauszufinden, worum es in der Küche ging, bekam ich eine Standpauke darüber, wie unhöflich es sei, zu lauschen. Toni sagte, es sei genauso schlimm, wie wenn jemand einfach in meinen Tagebüchern lesen würde.
Ich will ja nichts sagen, Tagebuch, aber in dir haben schon viel zu viele gelesen – angeblich, um mir zu helfen, weil sie wissen wollten, was in meinem Kopf vorgeht. Aber das stimmt nicht! Deshalb bin ich so froh, dass du jetzt ein Schloss hast. Endlich kann niemand mehr heimlich in dir lesen.
Toni schickte mich in mein Zimmer. Und weil er sich diesmal wirklich ernst anhörte, ging ich. Noch einmal erwischt werden – das wollte ich lieber vermeiden.
Dann hörte ich plötzlich Eleni. Sie schrie laut „Nein!" – und kurz darauf rannte sie weinend in mein Zimmer und warf sich auf mein Bett. Ich war erschrocken. Was war passiert?
Ich fragte sie, was los sei, aber sie konnte kaum sprechen. Noch bevor sie etwas sagen konnte, standen Luana und Sophie in der Tür. Ich ging zur Tür, drängte sie raus und schloss sie hinter mir.
„Das, was ihr gerade vorhabt, bringt jetzt gar nichts. Lasst sie einfach in Ruhe", sagte ich – ziemlich bestimmt.
Luana sah mich überrascht an. Wann ich so erwachsen geworden sei, fragte sie. Ich antwortete nicht direkt, sondern meinte nur, dass das vielleicht in der Zeit passiert sei, als sie in der Küche über Dinge gesprochen hätten, die Eleni jetzt zum Weinen bringen.
Sophie und Luana tauschten Blicke. Dann erklärte Sophie, dass Elenis Mutter wieder aus dem Gefängnis sei. Sie habe sich bei Sophie gemeldet und wolle, dass Eleni wieder zu ihr kommt.
Ich war fassungslos. Elenis Vater ist nur deshalb noch im Gefängnis, weil ich gegen ihn ausgesagt habe, nachdem er mich angegriffen hatte. Aber das, was Luana und Paulina damals von Eleni erfahren hatten – als sie mir ihre Geschichte erzählte –, reichte nicht aus, um auch die Mutter im Gefängnis zu halten.
Sophie sagte, dass Elenis Mutter ein Recht darauf habe, ihre Tochter zu sehen. Es sei nicht nachgewiesen, dass sie Eleni etwas angetan habe. Und solange Eleni nicht selbst aussagt, liege das Recht bei der Mutter, die weiterhin behaupte, sie habe nichts getan.
Ich war wütend. Es war doch offensichtlich, dass etwas nicht stimmte. Eleni hatte geweint, nachdem Sophie ihr gesagt hatte, dass sie zurück zu ihrer Mutter soll – und das allein sollte doch schon zeigen, wie sehr sie Angst hatte.
Sophie blieb ruhig. Sie erklärte, dass Elenis Mutter offiziell als unschuldig gilt und sie ihr zumindest eine Chance geben müsse – solange Eleni nicht spreche.
Die sorgenfreien Monate sind vorbei, Tagebuch. Es ist wieder an der Zeit, zu kämpfen. Für Eleni. Denn diesem Gegner – ihrer größten Angst – kann sie nicht allein entgegentreten.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
