Freitag, 17. September. 2010

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Liebes Tagebuch,

Wir wurden schneller erwischt, als ich es mir je hätte vorstellen können. Heute stand Sophie wieder vor der Tür. Hätte sie nicht gestern kommen können, als Mama noch einen besseren Tag hatte?

Ich versuchte, sie abzuweisen, aber Sophie ließ sich nicht beirren. „Ich will wissen, was hier los ist", sagte sie, fest und unbeirrbar. „Und wenn du es mir nicht sagst, werde ich es selbst herausfinden." Ich stand da, sprachlos. Ihre Entschlossenheit ließ mir keinen Raum für Ausflüchte.

Sie trat ins Wohnzimmer, und mir wurde klar, dass ich nichts mehr aufhalten konnte. Ohne zu zögern ging sie in Mamas Schlafzimmer. Ich folgte ihr, doch das Gefühl der Hilflosigkeit überrollte mich. Mama lag reglos da, tief schlafend, völlig benommen von den Tabletten. Sophie versuchte, sie zu wecken – vergeblich.

Zurück im Flur stellte Sophie mich zur Rede. „Marlene, sag mir jetzt, was los ist. Seit wann geht das schon so?" Ihre Stimme wurde eindringlich. Ich konnte nicht mehr an mich halten. Tränen strömten über mein Gesicht, und meine Beine gaben nach. „Etwa einen Monat", flüsterte ich, kaum hörbar.

Sophie telefonierte sofort. Ich hörte Worte wie „Einsatz", „medizinische Betreuung" und „Inobhutnahme". Mama bekam nichts davon mit. Als sie aufgelegt hatte, wandte sie sich wieder mir zu. „Marlene, es kommt gleich jemand, der sich um deine Mama kümmert. Und du kommst jetzt mit mir."

Ich brach zusammen. „Sophie, bitte nicht noch einmal. Ich schaffe das nicht! Ich will nicht zu Luana zurück! Ich will bei Mama bleiben!" Mein ganzer Körper bebte, meine Stimme war ein einziger Schrei nach Halt.

Aber Sophie blieb ruhig. „Es geht nicht, Marlene. Deine Mama muss zurück in die Klinik. Sie braucht Hilfe. Und du musst jetzt erstmal sicher untergebracht werden."

Der Arzt kam. Sophie packte ein paar meiner Sachen zusammen. Ich konnte nur zusehen. Nichts tun. Es war, als würde ich aus meinem eigenen Leben gerissen werden.

Jetzt sitze ich wieder in einem Zimmer im Übergangshaus. Ein anderer Ort, aber das gleiche Gefühl. Alles fühlt sich unwirklich an. Chaotisch. Zerbrochen.

Zum Glück hat Sophie auch dich mitgenommen, liebes Tagebuch. Wenigstens habe ich jemanden, dem ich alles sagen kann, ohne Angst vor Enttäuschung.

Ich weiß nicht, wie ich das alles bewältigen soll. Ich fühle mich leer, verloren, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Und das macht mir am meisten Angst.

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Kurz nachdem ich diesen Eintrag geschrieben hatte, saß ich mit angezogenen Beinen auf dem schmalen Bett in der Inobhutnahme oder wie ich es früher nannte das Übergangshaus. Das Zimmer war karg, fast steril. Aber was mir am meisten fehlte, war das Gefühl, irgendwohin zu gehören. Wieder war alles zusammengebrochen. Wieder hatte ich das Gefühl, versagt zu haben – obwohl ich eigentlich alles versucht hatte.

Heute weiß ich: Ich war nicht schuld. Ich war ein Kind. Und Kinder dürfen überfordert sein. Ich hätte mich nicht schämen müssen, nicht verstecken, nicht lügen. Ich hätte Hilfe verdient gehabt – echte Hilfe, ohne Bedingungen.

Dass ich heute darüber schreiben kann, zeigt, wie weit ich gekommen bin. Damals war ich gebrochen, aber nicht zerstört. Heute bin ich gewachsen – gerade durch diese Brüche hindurch.

Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt