Mittwoch, 28. November.2012

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Liebes Tagebuch,

es sind immer noch Herbstferien. Heute Morgen klingelte es schon um halb acht. Luana war in der Praxis, Toni ebenfalls bei der Arbeit – Eleni und ich waren allein zu Hause. Sie schlief noch, als es an der Tür läutete. Ich tappte verschlafen zur Haustür – und dort stand Sophie. Ohne Begrüßung kam sie einfach herein, wirkte nervös und gehetzt, ganz anders als sonst.

Auf meine irritierte Nachfrage, was sie denn so früh hier wolle, erkundigte sie sich nur nach Luana und Toni. Als ich ihr sagte, dass beide arbeiten, war sie überrascht, dass Eleni und ich allein waren. Ich erklärte ihr, dass ich zwölf bin und das wohl hinkriege – Luana ist schließlich direkt nebenan, und außerdem war es nicht mal acht Uhr. Sophie aber schien das gar nicht zu beruhigen. Sie murmelte, sie müsse dringend mit Luana sprechen. Auf meine Frage, worum es überhaupt gehe, wich sie aus.

Ich rief Luana an, aber wie erwartet konnte sie nicht weg – sie hatte Patienten. Sophie war darüber deutlich verärgert, nannte mir aber weiterhin keinen Grund für ihre Eile.

Kurze Zeit später kam Liv. Luana hatte sie wohl geschickt, weil sie geahnt hatte, dass etwas Wichtiges im Gange war. Auch Liv bekam aus Sophie nichts heraus – sie wollte nur mit Luana sprechen. Erst nach mehreren drängenden Fragen sagte sie schließlich, dass es um zwei Kinder ging, die dringend Hilfe bräuchten.

Sie betonte, dass sie diese Information nicht mir gegenüber nennen wollte, weil ich „noch ein Kind" sei. Ich fand das unfair. Ich war kein kleines Mädchen mehr, das abgeschirmt werden musste. Auch Liv sagte, dass ich mich verändert hätte – dass ich nicht mehr dieselbe Marlene war wie damals, als ich zu Luana kam.

Schließlich kam Luana. Wir setzten uns gemeinsam an den Küchentisch, und ich durfte dabei bleiben. Ich wollte das auch – ich wollte verstehen, was los war.

Sophie berichtete, dass es um Zwillinge ging – Lyara und Leonard, beide acht Jahre alt. Niemand wollte die beiden gemeinsam aufnehmen, und sie hatte inzwischen kaum noch Optionen. Die beiden Kinder waren über eine Woche allein in ihrer Wohnung gewesen. Eine Nachbarin hatte sie schließlich gehört. Der Vater hatte sich offenbar das Leben genommen. Die Mutter war verschwunden, und niemand wusste, wo sie war. Leonard sprach ein wenig, sagte, dass seine Schwester seit ihrem fünften Lebensjahr nicht mehr sprach – warum, wusste er nicht.

Ich konnte kaum fassen, was ich hörte. Diese Geschichte ging mir sehr nah. Zwei Kinder, so jung, und schon so viel verloren. Ich dachte an mich selbst – wie ich mich damals gefühlt hatte, als alles zu viel wurde. Aber meine Mama war zumindest noch da. Ich fühlte mich allein, ja – aber ich war es nicht wirklich. Diese beiden Kinder waren tatsächlich allein gelassen worden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Mutter ihre Kinder einfach zurücklässt. Vielleicht war ihr etwas passiert. Vielleicht war sie gar nicht freiwillig gegangen. Ich weiß es nicht, Tagebuch. Noch nicht. Aber ich werde es herausfinden.

Luana entschied, sich die Kinder anzuschauen. Sie sagte, sie wolle wissen, wie es ihnen geht, und bat Liv und mich, gemeinsam mit Jonah die Zimmer vorzubereiten – für den Fall, dass die beiden bald bei uns einziehen würden.

Ich spürte, wie sehr auch Luana das alles berührte, selbst wenn sie es nicht sagte. Sie würde die beiden nicht wieder gehen lassen, wenn sie sie erst einmal gesehen hatte – das wusste ich.

Und ich? Ich freute mich auf die neue Aufgabe. Ich dachte an Lyara, die nicht sprach. Kein Kind verstummt ohne Grund. Vielleicht war es wie bei Eleni damals – dass sie nur Angst hatte. Dass sie erst wieder sprechen würde, wenn sie sich sicher fühlte. Ich wollte da sein, wenn das passierte. Ich wollte ihr helfen, wieder Vertrauen zu fassen. Ich wollte Leonard zeigen, dass er nicht allein ist. Ich war bereit. Bereit für zwei neue kleine Geschwister. Bereit für ein neues Kapitel.

Ich halte dich auf dem Laufenden, Tagebuch.

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