Liebes Tagebuch,
ich habe tolle Neuigkeiten! Ich werde Tante.
Also nicht wirklich,aber irgendwie schon.
Liv war heute Nachmittag mit Jonah zu Besuch, und sie hat verkündet, dass sie ein Baby bekommt. Und das bedeutet, dass ich Tante werde.
Tagebuch, findest du, dass ich das sagen darf? Ich meine, Liv ist ja nicht meine richtige Schwester, aber für mich fühlt es sich so an. Seit mittlerweile vier Jahren lebe ich bei Luana und ihrer Familie und wenn ich ehrlich bin, würde ich auch nicht wieder zurück zu Mama wollen. Zumindest nicht für immer.
Ich habe guten Kontakt zu Mama. Wir sehen uns regelmäßig, und es geht ihr wirklich gut in letzter Zeit besonders seit Henry an ihrer Seite ist. Aber ich glaube, wir brauchen diesen Abstand, damit wir weiter gut miteinander auskommen.
Wenn ich die ganze Zeit bei ihr wäre, würde es wieder Streit geben. Und ich glaube, das liegt hauptsächlich an mir.
In meinem Kopf sehe ich Mama noch immer so, wie sie früher war, bevor die Depression kam. Ich wünsche mir diese Mama zurück. Aber die gibt es nicht mehr, Tagebuch. Sie ist verschwunden.
Mama hat sich verändert. Aber es geht ihr wieder gut und sie ist glücklich. Und das ist die Hauptsache.
Deshalb bin ich froh, dass ich hier in einer so liebevollen Familie gelandet bin.
Luana achtet immer auf das, was wir Kinder brauchen. Sie müsste mir den Kontakt zu Mama nicht erlauben. Wenn es nur nach dem Jugendamt ginge, dürfte ich sie gar nicht mehr sehen. Mama hat ihre Chancen eigentlich verspielt. Aber Luana sagt immer wieder, dass sie sich nie zwischen mich und Mama stellen würde, solange es uns beiden gut damit geht.
Liv hat neulich zu mir gesagt, dass ich mich wirklich glücklich schätzen kann, wie gut ich mit Mama klarkomme. Das ist nicht selbstverständlich, besonders nach allem, was passiert ist.
Ich bin Mama nicht mehr böse.
Nicht mehr böse darüber, dass sie nichts getan hat, als es mir schlecht ging.
Sie war machtlos. Genau wie ich. Ich war machtlos, weil sie es war.
Eleni, Lyara und Leo werden ihre Eltern vielleicht nie wiedersehen und würden es vermutlich auch nicht wollen. Für sie ist es besser, wenn sie ihnen fernbleiben. So wie ich meinen Vater nie wiedersehen will.
Liv hat noch etwas gesagt, das mich zum Nachdenken gebracht hat.
Eigentlich leben Kinder in meinem Alter selten in Pflegefamilien.
Normalerweise wird für Kinder bis etwa zehn Jahre nach Familien gesucht. Ältere kommen meist in Heime. Dort lernen sie dann, auf eigenen Beinen zu stehen, damit sie mit achtzehn allein klarkommen.
Liv meinte, dass es vor mir schon viele Kinder gab, die nur kurz bei ihnen waren, für ein paar Monate oder zwei Jahre. Nur solange, bis ein Heimplatz frei war.
Sie hat gesagt, dass es nur sehr wenige Pflegefamilien gibt, bei denen Kinder für immer bleiben dürfen. Nur dann, wenn ein Abschied zu viel zerstören würde.
So wie bei Eleni. Sie könnte wieder stumm werden, wenn man sie wegreißt.
Oder bei Leo und Lyara. Sie würden wieder in alte Muster zurückfallen.
Bei mir, sagt Liv, wäre das wahrscheinlich nicht so schlimm. Aber trotzdem würden sie mich nie wieder hergeben. Ich sei wichtig geworden, nicht nur für die Familie, sondern auch für die anderen Pflegekinder.
Liv sagte, ich sei ein Vorbild. Und irgendwie macht mich das stolz.
Sie sagte noch etwas, das ich nicht vergessen werde:
Wir sind Schattenkinder.
Kinder, die im Verborgenen lebten, im Schatten der Gesellschaft, wo niemand hinsieht. Wir haben ums Überleben gekämpft, ohne dass jemand es gemerkt hat.
Irgendwann kam etwas oder jemand, der uns ins Licht geholt hat.
Wir haben unsere Schatten abgelegt. Jetzt sind wir sichtbar.
Und jetzt liegt es an uns, die zu sehen, die noch im Schatten stehen.
Liv freut sich, dass ihr Kind in einer Familie aufwachsen wird, die offen ist. In einer Familie, in der es selbstverständlich ist, dass Menschen verschieden sind.
Denn das, sagt sie, ist das Problem:
Was ein Kind nicht kennenlernt, wird ein Erwachsener nie akzeptieren.
Ich weiß, wie es ist, wenn ein Familienmitglied krank ist und sich anders verhält.
Ich würde niemals jemanden verurteilen, nur weil er anders aussieht oder sich anders verhält.
Und genau da liegt der Fehler in unserer Gesellschaft.
Kinder wachsen mit dem Gefühl auf, dass alles gut ist. Dass Deutschland ein reiches Land ist. Dass es hier keine Probleme gibt. Aber das stimmt nicht.
Und es ist auch nicht schlimm, wenn es einem selbst besser geht als anderen.
Es wird nie gerecht zugehen, aber man muss wissen, dass das so ist, um damit gut umzugehen. Und um anderen helfen zu können, denen es schlechter geht.
Tagebuch, manchmal ist mein Kopf so voller Gedanken, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.
Vielleicht klingt nicht alles logisch, was ich dir schreibe, aber ich hoffe, du verstehst, was ich meine.
Mama hat mir früher oft gesagt:
Wenn es dir gut geht, hilf einem anderen. Und bitte ihn, dasselbe zu tun, wenn er jemandem begegnet, der Hilfe braucht.
Ich glaube, das ist das Wichtigste.
Wenn jeder Mensch das tun würde, wäre diese Welt so viel schöner.
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Kurzzeitpflege, Langzeitpflege, Heimunterbringung, als Kind habe ich das alles nicht vollständig verstanden. Ich wusste nur: Ich war da. Und ich wollte bleiben. Nicht, weil ich mich an Luana klammerte, sondern weil ich dort zum ersten Mal das Gefühl hatte, gesehen zu werden. Nicht als Fall, nicht als Akte, sondern als Mensch.
Viele Kinder in Pflegeverhältnissen erleben genau das Gegenteil. Sie rotieren durch Systeme, wechseln Bezugspersonen, verlieren Vertrauen. Nicht, weil sie schwierig sind,sondern weil ihr Schmerz zu lange übersehen wurde. Was sie brauchen, ist kein perfekter Ort, sondern ein konstanter. Keine perfekten Menschen, sondern Menschen, die bleiben. Die aushalten. Die zuhören, auch wenn es keine Worte gibt.
Ich habe früh gelernt, dass Zugehörigkeit nicht automatisch mit Biologie kommt. Dass Familie nicht aus Blutsverwandtschaft besteht, sondern aus Bindung. Aus Menschen, die sagen: Du darfst hier sein. So wie du bist.
Wenn ich heute höre, dass Pflegefamilien oft nur Übergangsstationen sein sollen, denke ich an Leo, Lyara, Eleni und an mich selbst. Niemand von uns war eine Übergangsstation. Wir waren Kinder. Und wir brauchten ein Zuhause.
Manchmal sind es genau die, die selbst im Schatten standen, die das Licht weitergeben können. Vielleicht war das meine Aufgabe. Vielleicht ist es heute meine Verantwortung: Den Blick zu schärfen für das, was andere nicht sehen wollen. Und zu erinnern, dass jedes Kind ein Vorbild sein kann, wenn man es lässt.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Aktuelle LiteraturDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
