Liebes Tagebuch,
Ich bin wach. Mehr oder weniger. Ich sitze auf dem Bett und schreibe dir. Heute war ein anstrengender Tag. Gleich am Morgen kam Luana – und sie brachte Paulina mit. Und Paulina bedeutete: Ich muss reden. Ob ich will oder nicht. Schon da wusste ich, dass dieser Tag nur schlimmer werden konnte.
Paulina setzte sich zu mir. Sie sagte ruhig: „Steh auf, Marlene."
Ich wollte nur, dass sie geht. Ich drehte mich weg. Doch sie blieb. Und dann – ganz ruhig, aber bestimmt – packte sie mich und stellte sich direkt vor mich hin. Ich musste sie ansehen.
„Was ist los, Marlene? Was geht dir gerade durch den Kopf?"
So viel, Tagebuch. Aber ich konnte es nicht sagen.
„Mir fehlen die Worte, ich
Hab' die Worte nicht
Dir zu sagen, was ich fühl'..."
Diese Zeilen höre ich ständig bei Liv. Ein Lied von irgendeinem Typen namens Tim Bendzko. Er wird bald berühmt, sagt sie. Und obwohl mich die ständige Wiederholung nervt – die Zeilen passen. So sehr.
Ich finde keine Worte für das, was in mir ist. Nicht für Paulina. Nicht für mich selbst.
„Mir fehlen die Worte, ich
Hab' die Worte nicht
Dir zu sagen, was ich fühl'
Ich bin ohne Worte, ich
Finde die Worte nicht,
Ich hab' keine Worte für dich."
Wieder schreibe ich diese Zeilen, und sie sind so verdammt wahr, Tagebuch. Ich finde einfach keine Worte, mit denen ich Paulina sagen könnte, wie ich mich fühle. Vielleicht geht es in diesem Lied eigentlich um Liebe, aber es trifft trotzdem zu. In fast jedem Popsong geht es um Liebe – ob ums Verliebtsein oder ums Verlassenwerden. Am Ende dreht sich fast alles um Liebe.
Paulina ließ nicht locker.
„Sag irgendetwas. Sag mir, wie du dich fühlst."
Tagebuch, wusstest du, dass es über 23 Millionen Wörter in der deutschen Sprache gibt? Und trotzdem finde ich keins, das passt.
„Sag. Irgendwas", wiederholte Paulina.
Paulina sah mich die ganze Zeit an und wartete auf eine Antwort. Es hat mich so genervt, Tagebuch. Ich wollte einfach, dass sie wieder geht und mich in Ruhe lässt.
„Du nervst!", rief ich.
„Das waren sogar zwei", antwortete sie ruhig. „Warum nerve ich dich?"
Ich wollte nur, dass sie mich in Ruhe lässt. Ich wollte vergessen, verdrängen, schlafen.
Aber sie blieb. Und fragte weiter.
„Du willst allein sein, damit du nicht nachdenken musst. Damit du nicht an deine Mama denken musst, an den Rückfall, an alles."
„Hör auf damit."
„Nein. Du gibst dir wieder die Schuld. Sag es!"
Und dann brach ich.
„Sei endlich still, verdammt! Ja! Ich will nicht daran denken! Du hast recht!"
Ich war erschöpft, aber Paulina hatte es durch ihre Methode geschafft, mir eine Leiter in das Loch zu stellen, in dem ich mich befand, und mich dazu zu bringen, ein Stück nach oben zu klettern. Von dort, wo ich jetzt bin, kann ich die Sonne wieder sehen, aber ich könnte jederzeit wieder herunterfallen.
Ich weinte. Ich weinte hemmungslos. Und Paulina nahm mich in den Arm.
Sie sagte, es täte ihr leid, aber es sei nötig gewesen. Und sie versprach, jetzt regelmäßig zu kommen.
Luana führte mich später in die Küche, damit ich etwas esse. Es war das erste Mal seit Tagen, dass ich wieder ein paar Bissen herunterbrachte.
Luana erklärte mir, dass ich in einem Schockzustand war. So etwas wie ein seelischer Schutzmechanismus – damit man nicht alles auf einmal spürt. Paulina hat mich da rausgeholt. Einfach so. Und irgendwie... war das gut. So schwer es auch war.
____________________________________________________________________________
Kurz bevor ich zehn wurde, kam ich an den Punkt, an dem nichts mehr ging. Ich hatte alles gegeben – für Mama, für mich, für unsere Zukunft – und trotzdem war ich wieder ganz unten angekommen. Ich weiß noch, wie leer ich war. Wie kalt.
Und dann kam Paulina. Sie war nicht sanft. Sie war nicht nachgiebig. Aber sie war da. Und sie blieb. Als alle meine Worte versiegt waren, hat sie mir das Schweigen aus dem Herzen gerissen. Ohne sie wäre ich wohl in diesem Loch geblieben.
Heute weiß ich, dass das einer der Momente war, in denen sich etwas veränderte. Ich begann zu begreifen, dass Hilfe nicht immer weich und freundlich kommt. Manchmal braucht es jemanden, der laut ist. Hartnäckig. Jemanden, der einen sieht, auch wenn man sich selbst verloren hat.
Paulina war diese Person. Und ich verdanke ihr, dass ich irgendwann wieder lernen konnte, Worte zu finden.
DU LIEST GERADE
Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Genel KurguDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
