Liebes Tagebuch,
ich liege auf dem Bett. Über mir hängt ein Bild von Mama. Sie lächelt darauf. Etwas, das ich in den letzten zwei Jahren kaum gesehen habe. Tagebuch, warum ist mir nie aufgefallen, wie wunderschön Mamas Lächeln ist? Wenn sie lächelt, hat sie kleine Grübchen. Auf ihrer Stirn bilden sich feine Falten, und ihr ganzes Gesicht strahlt. Sie sieht so glücklich aus – so voller Leben. Ich starre dieses Bild an, seit ich aufgewacht bin. Und obwohl ich es nicht aus den Augen lasse, fühlt es sich an, als würde es mit jedem Blick verschwommener werden. Als würde ich vergessen, wie sie war, bevor sie krank wurde.
Ich finde gerade keine Freude mehr. Ich sitze seit Stunden hier, in diesem fremden Zimmer, und schaffe es nicht, irgendetwas zu tun, außer dir zu schreiben und dieses Foto anzusehen. Dieses Bild aus einer Zeit, als noch alles gut war. Heute Morgen war eine Ärztin da. Sophie hat darauf bestanden, dass ich untersucht werde, weil sie mir nicht glaubt, dass es mir gut geht. Ich habe sie reingelassen, weil Sophie nicht locker ließ. Die Ärztin war nett, vorsichtig, aber ich fühlte mich trotzdem wie ein Gegenstand. Seitdem habe ich niemanden mehr reingelassen. Die Tür kann ich zwar nicht abschließen, aber Sophie akzeptiert, dass ich allein sein will. Noch.
Tagebuch, irgendetwas ist furchtbar schiefgelaufen. Ich habe mir immer gewünscht, dass jemand hilft – Mama hilft. Dass jemand kommt, der das reparieren kann, was in unserem Leben kaputtgegangen ist. Aber ich habe nicht gewollt, dass sie mir Mama wegnehmen. Ich habe mir keine neue Familie gewünscht, kein neues Zimmer, keine neuen Gesichter. Ich wollte einfach, dass Mama wieder aufsteht. Dass sie mich ansieht, lacht und sagt, dass wir das schaffen. Aber stattdessen bin ich jetzt hier. Und Mama... Mama ist irgendwo da draußen, allein, und vielleicht denkt sie gerade, ich hätte sie verlassen.
Sophie hat gesagt, ich darf das Gebäude nicht verlassen. Nicht allein. Selbst die Fenster sind so gebaut, dass man sie nicht öffnen kann. Ich habe das getestet. Sie haben wirklich Angst, dass ich weglaufen würde. Und ehrlich gesagt – sie haben recht. Wenn ich wüsste, wie, ich würde es tun. Ich würde Mucki nehmen, dich und mein Foto, und ich würde Mama suchen. Ich würde sie finden, ganz egal, wo sie ist. Ich weiß nicht, wie lange ich das hier aushalten kann.
In meinem Kopf ist nur Chaos. Alles ist durcheinander. Tausend Gedanken reden gleichzeitig auf mich ein. Manchmal höre ich Mamas Stimme – verschiedene Sätze, durcheinandergeworfen, aus allen möglichen Tagen der letzten Jahre. Ich verstehe kaum noch etwas. Es ist zu viel. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich will einfach nur, dass es aufhört.
Tagebuch, der Tornado, von dem ich dir schon so oft erzählt habe, ist jetzt gefährlicher als je zuvor. Früher hat mich wenigstens die Hoffnung am Boden gehalten. Der Glaube, dass am nächsten Tag vielleicht doch alles wieder besser sein könnte. Jetzt habe ich auch diesen letzten Halt verloren. Ich werde nur noch herumgewirbelt. Und jedes Mal, wenn ich mich überschlage, sehe ich eine Erinnerung. Eine gute. Eine mit Mama. Und es tut so weh. Es tut weh, sich an glückliche Dinge zu erinnern, wenn die Gegenwart so schrecklich ist.
Ich habe Angst. Ich weiß nicht, was als Nächstes passiert. Ich weiß nicht, ob oder wann ich Mama wiedersehe. Ich weiß nicht, wo mein Zuhause ist – oder ob ich überhaupt noch eines habe. Alles, was mir noch Halt gegeben hat, ist weg. Meine Welt steht vor dem Zusammenbruch. Ich zähle in meinem Kopf einen Countdown, und ich habe das Gefühl, dass ich am Ende einfach in Trümmern liege.
10
9
8
7
6
5
4
3
2
1
...
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Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich am absoluten Tiefpunkt meines Lebens. Ich weiß noch genau, wie leer ich mich fühlte. Wie verloren. Ich hatte mir so lange Hilfe gewünscht – wirklich, von ganzem Herzen. Aber nicht auf diese Weise. Nicht so. Sophie hatte mich in eine Inobhutnahmestelle gebracht, ein Zuhause auf Zeit für Kinder und Jugendliche, die ihre Familien plötzlich verlassen mussten – aus den unterschiedlichsten Gründen. Dort war alles fremd. Die Zimmer, die Stimmen, selbst die Luft fühlte sich anders an. Ich konnte mich nicht zurechtfinden. Ich hatte das Gefühl, zwischen all den anderen Kindern zu verschwinden, obwohl ich gleichzeitig so sichtbar war, dass es weh tat.
Ich ließ niemanden an mich heran. Weder die Kinder, die dort lebten, noch die Erzieher, die sich bemühten, freundlich zu sein. Ich sprach kein Wort. Ich hatte nichts zu sagen. Oder vielleicht hatte ich einfach zu viel zu sagen und wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Also sagte ich lieber gar nichts. Ich war da, aber nicht wirklich. Ich existierte irgendwie weiter, aber lebte nicht.
Sophie war die Einzige, die von Anfang an geblieben ist. Vom Tag meiner Herausnahme an war sie da. Immer wieder. Sie war meine Sozialarbeiterin vom Allgemeinen Sozialen Dienst – dem ASD. Sie traf Entscheidungen für mich, kümmerte sich um alles, was geregelt werden musste, und begleitete jeden Schritt, den mein Leben ab diesem Moment nahm. Sie war wie ein Schatten, der mich durch die stürmischsten Veränderungen getragen hat. Und auch wenn ich es ihr nie so richtig zeigen konnte – ich war dankbar, dass sie nicht weggelaufen ist, wie so viele andere davor.
Sophie war die Einzige, die blieb. Und sie blieb bis zu dem Tag, an dem ich volljährig wurde.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
